Auf ein Wort (6/2020)

 

Verständnis und gelebte Integration

 

Von Sylvia Lehmann

 

„Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“, lautet ein bekanntes Zitat, dass sich leider nicht eindeutig zuordnen lässt. Individuelle Erinnerungen, Familienüberlieferungen sowie das kollektive Gedächtnis genießen einen hohen Stellenwert. Sie prägen das gesellschaftliche Selbstverständnis in Deutschland. Sie sind maßgeblicher Kompass bei der andauernden Bewältigung des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte, des Holocaust und des katastrophalen Zweiten Weltkrieges. Der Krieg und die Morde an Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Andersdenkenden, Eingeschränkten oder Homosexuellen hinterließen 70 Millionen Ermordete, Gefallene, Verendete. Alleine auf sowjetischer Seite starben 27 Millionen Menschen, jeder Vierte von ihnen in deutscher Kriegsgefangenschaft. Unzählbar die physisch wie psychisch irreversibel Verwundeten. Nach Kriegsende folgten Menschen aus Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien, Böhmen, aus Czernowitz, aus Siebenbürgen und aus der Gottschee. Einer von 14 Millionen Vertriebenen war mein Vater.

Geboren und aufgewachsen in Stuben bei Breslau in Schlesien, wurde mein Vater als Ältester dazu bestimmt, den elterlichen Gutshof zu übernehmen und somit frühzeitig in die landwirtschaftliche Arbeit eingebunden :  Er lernte, den Traktor zu bedienen, Auto zu fahren und ging regelmäßig mit seinem Vater auf die Jagd. Mit dem zweiten Weltkrieg gingen der familiäre Besitz und der damit verbundene Lebensentwurf verloren.

Die Geschichte wiederholt sich natürlich nicht – wir leben inzwischen in einem der wohlhabendsten Länder einer global vernetzten Welt. Die Geschichte hat sich allerdings mehrfach für meine Familie „gereimt“ – beispielsweise für meinen Vater, als ihm die Zwangskollektivierung der DDR-Landwirtschaft ein weiteres Mal das Eigentum nahm. Oder für mich – wie für die noch lebenden Vertriebenen und ihre Nachfahren – spätestens, als 2015 vermehrt Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und aus zahlreichen afrikanischen Ländern nach Deutschland kamen. Waren das nicht unsere Vorfahren ?  Sahen wir nicht mit eigenen Augen, wie die Großeltern, Eltern, Onkel und Tanten nach Kriegsende als Kinder im geschrumpften Deutschland ankamen – ungebeten, ungewollt, misstrauisch bis feindselig betrachtet ?

Wenn ich an die Erzählungen meines Vaters denke, entdecke ich für viele anstehende gesellschaftliche Fragen, wie sie beispielsweise in der Begegnung mit Geflüchteten aufkommen, eine Antwort. Die lebenslange Weigerung meines Vaters, in Brandenburg einen Führerschein zu machen, wieder ein Fahrzeug zu bedienen oder je wieder zu jagen, verdeutlichen mir, weshalb Traditionen vielen Neuangekommenen so viel bedeuten – ist doch auch für meinen Vater die Kinder- und Jugendzeit unter der Oberfläche immer präsent geblieben – als wolle er sich einen ungeteilten Ort für „sein“ Stuben bewahren.

Wenn ich sehe, wie Musliminnen und Muslime bei uns Kraft aus ihrer Religion schöpfen, erinnert mich auch das an die Erzählungen zu Hause, wie mein Vater inmitten der brandenburgischen protestantischen Region unbeirrt seinen katholischen Glauben weiterlebte und Sonntag für Sonntag mit dem Fahrrad in die im Nachbarort gelegene Kirche fuhr. Der Hohn und die Feindseligkeit, die er von den damaligen Mehrheits-Brandenburgern erntete, müssen es ihm wert gewesen sein :  Neben der Religion traf er in der Kirche auch auf andere Vertriebene. So bedeutete ihm der Glaube wohl Halt und Heimat zugleich.

Seine Haltung zur „Heimat“ war dabei nicht festhaltend-besitzergreifend. Marion Dönhoffs berühmte Worte aus dem Jahr 1988 geben sie wieder :  „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der höchste Grad der Liebe zur Heimat dadurch dokumentiert wird, dass man sich in Hass verrennt gegen diejenigen, die sie in Besitz genommen haben, und dass man jene verleumdet, die einer Versöhnung zustimmen … Vielleicht ist dies der höchste Grad der Liebe :  zu lieben, ohne zu besitzen.“

Als ich mit meiner Mandatsannahme auch die Berichterstattungen für Nationale Minderheiten, Aussiedlerfragen sowie Migration und Integration im Innenausschuss des Deutschen Bundestages übernahm, hat sich die Geschichte für mich abermals gereimt. In der Verknüpfung dieser drei Themen liegt nach meinem Verständnis ein Schlüssel für erfolgreich gelebte Pluralität :  Aussiedler- und Vertriebenenthemen können unser Selbstvertrauen inmitten der Transformation zur Migrationsgesellschaft stärken. Anders herum wächst eine Offenheit für die Anliegen von den Vertriebenen, die sich in etwa an Dönhoff orientieren.

Hierzulande existiert eine lange kollektive Erfahrung um die Wechselwirkungen des Eigenen und Fremden, von Willkommenskultur und Fremdenfeindlichkeit, von Hilfsbereitschaft und Rassismus, von Integration, Assimilation oder dauerhaft empfundenem Exil. Vielfach wurden die „fremden Deutschen“ nach dem Krieg diffamiert, waren nicht willkommen. Heute wissen wir, dass die Ankunft von 14 Millionen Flüchtenden und Vertriebenen das Land fundamental verändert, ja revolutioniert hat. Die Pluralität und Verschiedenheit haben uns gutgetan.

Wenn ich in der Familiengeschichte Antworten finde, weiß ich, dass 14 Millionen weitere Familien solche und ähnliche Erinnerungen wie ich haben dürften, die die Kraft haben, das vermeintlich Fremde ganz nah, nämlich in die eigene Familie zu rücken. Daraus können Verständnis und gelebte Integration entstehen. Das gibt mir große Zuversicht für unsere gemeinsame Zukunft.

 

 

Danzig (Adobe Stock) Kompass (Adobe Stock)
Galerie (Adobe Stock) Historisierende Collage (Adobe Stock)
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