Auf ein Wort (4/2021)

 

Für eine neue Haltung gegenüber Osteuropa

 

Von Jörg Scheller

 

 Wenn in deutschen Medien über Osteuropa berichtet wird, ist der Anlass selten ein erfreulicher. Ob Polen oder die Republik Moldau, Weißrussland oder Bulgarien – meist geht es um Korruption, Armut, Nationalismus, Autoritarismus. Diese Negativfixierung ist einerseits der Aufmerksamkeitsökonomie und der Klickzahlen-Apokalyptik geschuldet: bad news sell. Sie mag aber auch von einem latenten Chauvinismus zeugen, der sich hartnäckig in den Köpfen hält. Während die meisten deutschen Medienkonsumenten vom Konflikt zwischen der polnischen Regierung und der EU gehört haben dürften, haben wohl wenige vertiefte Kenntnisse vom polnischen Wirtschaftswunder der letzten 30 Jahre oder vom maßgeblichen Anteil, den die Gewerkschaft Solidarność am Untergang des totalitären Sowjetsystems hatte. Und wer außerhalb slawistischer Zirkel jemals von der Republik Moldau gehört hat, ist dem 1991 gegründeten Staat wohl schlicht als „Armenhaus Europas“ begegnet; allenfalls mag man vom Hoffnungsschimmer gelesen haben, den die 2020 gewählte, EU-freundliche Präsidentin Maia Sandu verkörpere. Man nimmt Osteuropa wahr, wenn es das „Andere“ zu sein scheint oder sich scheinbar dem „Eigenen“ annähert.

Diese Einseitigkeit im Diskurs prägt auch die Politik. Wie die Klimabewegung zeigt, werden Regierungen selbst bei dringlichen Anliegen oft erst aktiv, wenn ein starkes, laut artikuliertes Interesse in Teilen der Bevölkerung besteht und von den Medien aufgegriffen wird – zumal heute, da sich Entscheidungsträger mehr denn je an Umfragen und Statistiken wie auch den lautesten Stimmen in den Sozialen Netzwerken orientieren. Osteuropa hat, trotz oder gerade aufgrund seiner geographischen Nähe, noch immer eine schwache Lobby in Deutschland. Man führe sich nur vor Augen, welche Beachtung und Solidarität die gut organisierte, finanzstarke, von Konzernen, Museen und Hochschulen unterstützte US-amerikanische Black-Lives-­Matter-Bewegung (BLM) erfährt, und wie schwach die Resonanz auf die aktuellen Protestbewegungen in Weißrussland oder Polen ist. Dauerhafte, zahlenmäßig signifikante, öffentlichkeitswirksame Solidarität? Fehlanzeige.

Wie also könnte eine konstruktive Haltung Deutschlands gegenüber Polen und anderen osteuropäischen Ländern aussehen? Zuvorderst darf sich diese Haltung nicht auf die Staatspolitik beschränken. Aus nüchternem geostrategischem Kalkül und basalen Sachzwängen wird es für deutsche Regierungen immer naheliegender sein, die exportorientierte, auf Rohstoffimporte angewiesene deutsche Wirtschaft mit Russland, den USA, China abzustimmen, als auf den Flickenteppich der osteuropäischen Staaten mit ihren schrumpfenden Bevölkerungen zu fokussieren. Deshalb sollten sich Anstrengungen, das deutsch-­polnische Verhältnis auf ein gutes Fundament zu stellen, stärker auf den vorpolitischen Raum konzentrieren.

Der Erfolg und die Lobbymacht von BLM haben mehr als ein halbes Jahrhundert  zivilgesellschaftlicher Vorgeschichte. Die Bewegung hat sich zunächst den vorpolitischen Raum erschlossen, aus dem sich künftige politische Weichenstellungen erst speisen. Eine Bewegung von vergleichbarer Dimension, und das heißt auch: von vergleichbarer aktivistischer und diskursiver Wucht, nicht zuletzt durch starke Verbindungen zur Kulturindustrie und zum Bildungssektor, fehlt mit Blick auf Osteuropa – trotz verdienstvoller Publikationen und Institutionen wie Steffen Möllers Viva Polonia, dem Dialog-Magazin oder dem Deutschen Polen-Institut. Man muss es so hart formulieren: Osteuropa ist nicht sexy. Die USA, zunehmend auch Asien und Afrika, verheißen mehr soziales und kulturelles Kapital. Genau hier muss man ansetzen, mit langem Atem.

Ein erster Schritt hin zu einer veränderten Sicht auf Osteuropa ist ein nur vordergründig paradoxer: Gerade angesichts der mehrhundertjährigen wirtschaftlichen wie auch politischen Dominanz „des Westens“ und des aktuellen Aufstiegs Asiens, gilt es, von Osteuropa zu lernen: von der Geschichte der osteuropäischen Bevölkerungen, die Erfahrungen mit genau dem haben, was das aktuelle Stadium der Globalisierung für Theoretiker wie Arjun Appadurai zufolge kennzeichnet – und in Zukunft vielleicht noch stärker kennzeichnen wird; unsicheren bis chaotischen Zuständen in Verbindung mit Migration, Flucht, Mangel, politischen und ökonomischen Krisen sowie autoritärer Fremdbestimmung. In Polen heißt es: „Polak potrafi“ – ein Pole bekommt es hin; eine Anspielung darauf, dass viele Polen, insbesondere der älteren Generation, großes Geschick im Umgang mit Unwägbarkeiten entwickelt haben, mithin im Organisieren, Improvisieren, Reparieren. Während sich Teile Deutschlands auf den Erfolgen der Nachkriegszeit ausgeruht haben und erkennbar von der Substanz zehren, hat die dritte polnische Republik unter harten Bedingungen in kurzer Zeit Substanz aufbauen müssen. Anstatt also Polen auf tatsächliche oder unterstellte Defizite zu reduzieren, täte man gut daran, ein ehrliches Interesse zu artikulieren: Wir wollen von unserem Nachbarn lernen, was für soziale Kompetenzen es braucht, um Resilienz unter widrigen Umständen zu entwickeln!

Zum anderen gilt es, Osteuropa durch die Linse dessen zu betrachten, was sich in der jüngeren Purpose Economy jeder, der werbewirksam etwas auf sich hält, auf die Fahnen schreibt: Diversity. Wenn der osteuropäische Raum eines ist, dann hybrid. Sei es der Kaukasus mit seiner Sprachvielfalt und der Vielzahl ethnischer Gruppen auf ­engstem Raum; sei es die Besiedlungsgeschichte der Republik Moldau, wo Deutsche, Russen, Armenier, Ukrainer, Bulgaren, Polen, Rumänen, Gagausen und viele andere lebten; sei es die wechselvolle Geschichte Polens, das einst Hort aufklärerischer Politik, religiöser Toleranz und Einwanderungsland war, bevor es durch den Zweiten Weltkrieg und den Nazi-Terror zu jenem ethnisch homogenen, traumatisierten Staat wurde, als der es heute bekannt ist. Osteuropa ist ein Raum, in dem Diversität nicht künstlich geschaffenes Programm zur Imagepflege ist, sondern gelebte, erlebte Erfahrung – im Guten wie im Schlechten. Von diesem Erfahrungsschatz könnte und sollte „der Westen“ profitieren.

Jörg Scheller ist Kunstwissenschaftler, Buchautor und Pop-Akademiker. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste und bringt sich mit Analysen und Kommen­taren regelmäßig in politische Debatten ein.

 



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Historisierende Collage (Adobe Stock) Wahlprognosen und Stimmzettel (Adobe Stock)