Kultur-Informationen
aus dem »Land am Meer«
(4/2019)

 

Nachlese zur Museumsnacht vom 18./19. Mai

  • In der „Langen Nacht der Museen“ ordneten etliche Häuser ihre Veranstaltungen einem Leitmotiv zu, das häufig aus dem Thema einer aktuellen Sonderausstellung gewonnen wurde. Beim Archäologischen Museum in Danzig war dies – bis zur Vorführung lebendiger Ponys – z. B. die Geschichte des Hauspferds und seiner Verwendung im Dienst des Menschen; und in der Dirschauer „Fabrik der Künste“ orientierte sich das Programm an der Ausstellung Judaika: Die Besucher konnten jüdische Tänze studieren, die hebräische Sprache kennenlernen, sich mit der Herstellung einer Besamimbüchse beschäftigen oder während eines nächtlichen Rundgangs Spuren von Dirschauer Juden entdecken. Das Archäologisch-Historische Museum in Elbing wandte sich dem 100. Jubiläum des Frauenwahlrechts zu und akzentuierte Bereiche der Dauerausstellung, die Stationen der Frauen-Geschichte verdeutlichen, bot Lesungen zu diesem Thema an und eröffnete die Ausstellung zu den Erinnerungen von Margarete Wernick (vgl. S. 19).
  • Zusammenhalt kann freilich auch eine Verkettung von Motiven stiften. Das Danziger Shakespeare-Theater nahm z. B. aus dem letzten Jahr den Komplex der „Sieben Hauptsünden“ wieder auf. Unter der Leitung des Direktors, Prof. Jerzy Limon, begegneten die Teilnehmer auf verschlungenen Wegen Spuren der Habgier in Macbeth und anderen Dramen Shakespeares, präsentiert in szenischem Spiel, in Filmausschnitten oder Werken der bildenden Kunst.
  • Die besondere Atmosphäre der Nacht nutzte exemplarisch das noch in der Entstehung begriffene, Chodowiecki und Grass gewidmete Kulturzentrum: Da sich in dem Gebäude früher das Spend- und Waisenhaus befunden hatte, boten Sound-Installationen in elek­tronischer Bearbeitung Kinderstimmen – mit Rufen, Liedern, Reimen oder Gebeten – sowie Fragmente von Spieldosen-Musik. Auf diese Art erschien das Haus wie ein Klang-Speicher, der die ferne, bedrängende Erinnerung an die Existenz der früheren, zu Lebzeiten verlassenen und vernachlässigten kleinen Bewohner freigab.
  • Einen Zusammenschluss verschiedener Veranstaltungen bot die „Nacht von Langfuhr“. Die dort ansässigen Kulturinitiativen hatten Oskar Matzerath aus der Blechtrommel als gemeinsame thematische Leitfigur gewählt. Deshalb ging es auch hier häufig um Klänge und Geräusche. So wurden beispielsweise Trommelkonzerte oder ein Kinderworkshop angeboten, dessen Titel „Oskar, schrei !“ auf den polnischen Namen (Wrzeszcz) des Stadtviertels anspielt, denn das Verb „wrzeszczeć“ heißt im Deutschen „schreien“.
  • Sehr beliebt waren Detektivaufgaben, die von den Besuchern gelöst werden sollten. Im Museum der polnischen Adelstraditionen in Groß Waplitz galt es, Familiendokumente der Sierakowski-Familie aufzuspüren, und in Bendomin und Wdzidzen sollte ein Geheimbefehl Napoleons ausfindig gemacht werden. Zuweilen wurden solche Vorhaben auch nach außen verlagert: Das Uphagenhaus organisierte beispielsweise eine spielerische Erkundung in den Straßen Danzigs, bei der die Teilnehmer den Auftrag erhielten, ein Geheimnis eines niederländischen Kaufmanns aus dem 17. Jahrhundert zu enthüllen.
  • Nicht zuletzt kommen freundlich-warme Frühlingsnächte wohl auch den Empfindungen von Verliebten entgegen. Das Baltische Kulturzentrum, das im Altstädtischen Rathaus beheimatet ist, verwandelte sich deshalb in dieser Nacht in ein „Standesamt“ und bot den Besucherinnern und Besuchern an, sich – quasi versuchsweise – trauen zu lassen. Dabei standen verschiedene Eheversprechen zur Wahl; zudem konnte die Zeremonie historisch und stilistisch variieren und sich z. B. an der skeptischen Grundhaltung eines  Arthur Schopenhauer (1788–1860) oder auch am romantischen Stil der Danziger Schriftstellerin Elise Püttner (1839–1923) orientieren.

Vielfalt der Kulturen    Vom 25. bis zum 28. Juli findet unter dem Titel „Fenster zur Welt“ [Okno na świat] ein „Festival der vielfältigen Kulturen“ statt, das das multikulturelle Antlitz Danzigs verdeutlichen möchte. Die Besucher können z. B. die Neue Synagoge in Danzig-Langfuhr und die Moschee der Stadt besuchen und sich bei den Geistlichen über die Grundlagen von deren Religion informieren. Das Programm umfasst auch mehrere kulinarische Workshops, bei denen man erfährt, wie man „Gefilte Fisch“ zubereitet oder arabischen Kaffee aufbrüht. Zudem gibt es ukrainische Stickereien zu bewundern, bei einer Einführung in arabische Kaligraphie darf man seinen Namen in den unvertrauten Schriftzeichen schreiben, oder Interessenten wird die Möglichkeit offeriert, sich von Mehndi-Künstlern mit Henna ornamentale Körperbemalungen auftragen zu lassen. Abends finden schließlich Konzerte mit Künstlern aus den verschiedenen Kulturen statt. Zu ihnen gehört z. B. die junge ukrainische Sängerin Lesja, die sich in ihren Kompositionen intensiv von der Volksmusik ihrer Heimat inspirieren lässt.

Faszination Shakespeare     Das Danziger Shakespeare-Festival, das längst eine feste Größe im Kulturleben der Stadt geworden ist, findet 2019 vom 26. Juli bis zum 4.  August statt. Zu den besonderen Attraktionen gehört diesmal gewiss das Drama The Knight of the Burning Pestle des Shakespeare-Zeitgenossen Francis Beaumont, das am Schlusstag des Festivals in einer Koproduktion der internationalen Theatercompagnie Cheek by Jowl mit dem Moskauer Puschkin-Theater aufgeführt wird.

❧Joanna Szkolnicka

 

 

Kompass (Adobe Stock) Danzig (Adobe Stock)
Galerie (Adobe Stock) Historisierende Collage (Adobe Stock)
Wahlprognosen und Stimmzettel (Adobe Stock) Kopernikusdenkmal in Thorn (Adobe Stock)