Auf ein Wort (3/2022)

 

Europa in Krisenzeiten

oder: die Stunde der Solidarität,

die Stunde Europas?

 

Von Holger Zaborowski

 

Europa befindet sich in der vermutlich größten Krise seit 1945. Europa steht längst nicht mehr im Zentrum der Welt. Weltweit haben sich in den letzten Jahrzehnten die politischen Gewichte verschoben. Die Corona-Pandemie hat Europa auf eine harte Probe gestellt. Auf eine noch härtere Probe stellt die europäischen Länder der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Was sind die richtigen Reaktionen? Hat man in der Vergangenheit immer richtig gehandelt? Wie wird es weitergehen – mit Europa, mit der Ukraine, aber auch mit Russland und der Welt? Viele Fragen, in denen sich Herausforderungen für Europa zeigen, die vor wenigen Jahren noch niemand hätte ahnen können.

Doch sind dies nicht die einzigen Herausforderungen. Denn die Krise Europas ist auch eine Krise von innen. Auch wenn die Pandemie und der Krieg zeigen, welche Bedeutung Europa gerade auch heute noch hat – oder besser: haben sollte –, wissen wir nicht mehr so recht, wozu Europa eigentlich gut ist. Das Fundament Europas ist fraglich geworden – und damit auch die europäische Zukunft. Europa ist nicht einfach nur ein Verteidigungsbündnis und auch nicht ein bloßer Wirtschaftsverband, so wichtig diese Dimensionen sind. Wie lassen sich Identität und Aufgabe Europas bestimmen?

Immer wieder wird derzeit in diesem Zusammenhang die europäische Solidarität beschworen. Solidarität ist nicht selbstverständlich. Der Ruf nach solidarischem Handeln kann leicht verhallen oder kraftlos werden – vielleicht weil er gar nicht ernst gemeint oder schlecht begründet war, nur ein wohlfeiles Lippenbekenntnis, das allzu schnell vergessen wird, wenn es seinen Dienst getan hat. Daher geht es in der jetzigen Situation darum, über die Forderung vieler Politikerinnen und Politiker – vertieft nachzudenken: Was bedeutet die Tradition der Solidarität für Europa, die Idee eines solidarischen Europas? Wie lässt sich Solidarität verwirklichen? Wie ihr radikales Potential erschließen?

Solidarität muss, um nachhaltig wirken zu können, immer neu aus ihren Quellen heraus begründet und mit Leben erfüllt werden. Die Quellen der Solidarität sind bekanntermaßen vielfältig. Der Begriff hat eine sehr komplexe Geschichte. In ihm klingt das revolutionäre, über Standes- und Ländergrenzen hinweg reichende Pathos der Brüderlichkeit – oder besser: der Geschwisterlichkeit – an, und damit der moderne Universalismus, der allen Menschen die gleichen Rechte zuschreibt. Daneben gibt es noch andere wichtige Wurzeln: zum Beispiel das jüdische, christliche und islamische Verständnis der Menschen als Geschöpfe, das religiös oder auch rein philosophisch begründbare Gebot einer sorgenden Hinwendung zum kranken, schwachen und leidenden Menschen.

Wenn diese Quellen lebendig sind und durch überzeugende Taten in die Gegenwart übersetzt werden, dann kann der Ruf nach Solidarität Menschen aufrütteln – ähnlich wie der Ruf nach „Solidarność“ in Polen und anderen Ländern vor über 30 Jahren Unrechtsregime zu Fall gebracht hat. Dann kommt ihm eine enorme, die Welt verändernde Kraft zu. Denn wer von Solidarität spricht und entsprechend handelt, verweist auch auf Freiheit, Verantwortung und Würde des Menschen und weiß darum, dass nicht einer abstrakten Selbstbestimmung des Menschen das letzte Wort zukommt, sondern dass Menschen in einem Geflecht von konkreten Beziehungen miteinander – und das heißt immer auch: von- und füreinander – leben.

Wenn so über Solidarität nachgedacht wird, wenn es zu einem neuen Verständnis Europas aus dem Geist der Solidarität kommt, kann diese Zeit der Krisen auch die Stunde Europas sein – eine Schwäche, aus der Europa gestärkt hervorgeht, eine Erschütterung, die erneut dazu führt, die Frage nach den Grundlagen unseres Zusammenlebens zu stellen, eine Verunsicherung, die zu einer vertieften Gewissheit darüber führt, wer wir als Europäerinnen und Europäer sind und sein wollen. Im letzten Jahrhundert haben Krisen wie zum Beispiel die beiden Weltkriege im kirchlichen, gesellschaftlichen und politischen Bereich zu einer heute noch beeindruckenden Vertiefung der europäischen Solidarität geführt. Warum sollte dies heute anders sein?

Denn wenn eines klar ist, dann die Tatsache, dass kein europäischer Nationalstaat allein die jetzigen Krisen und ihre Folgen bewältigen kann. Wenn eines unzweifelhaft ist, dann die Erkenntnis, dass gerade die europäischen Länder engstens miteinander vernetzt sind. Und wenn eines deutlich sein dürfte, dann dies: Ein Europa, das noch nicht einmal der Solidarität nach innen fähig ist, wird auch nach außen hin keine Solidarität üben. Aber wäre dies dann noch Europa – ein Europa, das weder nach innen noch nach außen das Erbe der Solidarität bewahrt? Europa hat einmal den Horizont des Universalen entdeckt – der, gerade weil er universal ist, nicht nur europäisch ist. Dieser Horizont tritt mit Forderungen an uns heran. Solidarität mit anderen, ja, mit allen Menschen – insbesondere mit den leidenden, den kranken, den schwachen – gehört dazu. Wir benötigen daher ein klares Bekenntnis – in Wort und Tat – zur Solidarität als europäischer Tugend, zu Europa als Solidarität. Können wir dieser Forderung entsprechen? Von der Antwort auf diese Frage wird viel abhängen.

 

 

Danzig (Adobe Stock) Danzig (Adobe Stock)
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Historisierende Collage (Adobe Stock) Wahlprognosen und Stimmzettel (Adobe Stock)