Die Herrschaft Runowo

 

Schlossruine erzählt Vergangenheit

 

Von Hans-Jürgen Schuch †

 

Die von der Stadt Vandsburg im Landkreis Zempelburg nach Südwesten in den Landkreis Wirsitz zur Stadt Lobsens verlaufende Straße führt nach 4 km durch das Straßendorf Runowo. Auf der linken Straßenseite des Dorfes befindet sich der im Laufe der Nachkriegszeit zu einem kleinen Wäldchen gewordene ehemalige Gutspark. Eine deutlich erkennbare Einfahrt erschließt die Zufahrt zum Schlossgelände des früheren Rittergutes Runowo. Sie führt zu der Stelle, an der 1860 hinter dem heute wald­ähnlichen Park das neue Herrenhaus gebaut worden ist. Es handelte sich um ein aus zwei Flügeln bestehendes Schloss. Bei Kriegsende 1945 wurde das stattliche Gebäude zu einer Ruine :  groß, eindrucksvoll und zum Nachdenken einladend. In den letzten gut 70 Jahren hat sich kaum etwas verändert. Der lange Zeit rund um das Gebäude herum liegende Schutt wurde dann doch beseitigt und die Wege wurden freigelegt. Vor der Hauptfront des Schlosses breitet sich heute eine große Wiese aus. Sie wird von Zeit zu Zeit gemäht. Alles sieht sauber und ordentlich aus, man möchte sagen :  gepflegt – aber dennoch vergessen. Die starken Mauern des ausgebrannten Schlosses trotzen dem Wetter im Sommer wie Winter und auch sonstiger Unbill. An die Wiese grenzt der Kleine Runowoer See. Er ist verbunden mit dem etwas weiter östlich gelegenen, sehr viel größeren Großen Runowoer See. Die heutige Wiese, das Wäldchen und die Runowoer Seen bildeten früher den 18 ha großen Schlosspark. Beide Seen lassen erahnen, wie schön es hier wohl früher gewesen sein mag. Die Natur ist es immer noch.

Das Schloss könnte wahrscheinlich jederzeit restauriert werden. Vermutlich gibt es jedoch keine Nutzungsperspektive, die die nicht unerheblichen Wiederherstellungskosten rechtfertigen würde. Nicht aus jedem Schloss lässt sich ein Hotel, eine Tagungs- oder Erholungsstätte machen. Die abseits der Straße und hinter Bäumen versteckt stehende eindrucksvolle Ruine erinnert an die wechselvolle Vergangenheit dieser einstigen Herrschaft Runowo. Aber wer sucht diesen Erinnerungsort auf, wer lässt sich hier erinnern ?  Von der Geschichte dieser großen Begüterung wie von derjenigen des Schlosses und seiner Bewohner liegt viel im Dunkeln, eine Menge unter dem Schutt des Vergessens. Alles sollte freigelegt werden.

Von der Gründung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges

Es waren Zisterziensermönche, die das Gut 1325 gründeten und anschließend 66 Jahre, bis 1391, als Kloster nutzten. Die unmittelbar folgenden Eigentümer sind nicht alle bekannt. Ein Dobislaus Runge wird bereits 1391 als Besitzer genannt. Aus dem Jahr 1511 ist der Name Orzelski überliefert und 1595 soll ein Jan Orzelski das Gutshaus gebaut haben. Dieser Jan Orzelski war wohl auch 1607 der Bauherr der katholischen Kirche aus Stein, die die Vorgängerkirche aus Holz ersetzte. Im Laufe der Zeit gehörte das Gut nacheinander mehreren anderen polnischen Familien. Im 17. Jahrhundert »lag Runowo wüst«. Erst um 1670 wurde es wieder aufgebaut. 1694 wirtschafteten in Runowo fünf deutsche Siedler, 17 Fronbauern und sieben Gärtner. Ab wann die seit dem Fortzug der Mönche immer größer gewordene Begüterung »Herrschaft Runowo« genannt wurde, ob dies erst im 19. Jahrhundert erfolgte oder schon etwas früher, ist nicht bekannt. In der von Johann Friedrich Goldbeck nach 1772 verfassten Topographie (gedruckt 1789 in Marienwerder) wird Runowo als Adliges Dorf und Vorwerk mit einer katholischen Kirche unter dem Patronat der Gräfin (Theophila) Potulicka genannt. Im Landkreis Wirsitz wurden vier andere besonders große Rittergüter ebenfalls als »Herrschaft« bezeichnet.

Das zunächst »Kleinpreußen« oder auch »Brenckenhoffischer Distrikt« genannte Gebiet südlich von Pommerellen – südlich und nördlich der Netze gelegen – erhielt 1773 den Namen »Distrikt an der Netze«. Diese provinzähnliche Verwaltungseinheit war dem Oberpräsidenten Johann Friedrich von Domhardt in Königsberg unterstellt, kassenmäßig aber der Kammer in Marienwerder. In Bromberg wurde die »Königlich Westpreußische Kriegs- und Domänenkammer-Deputation«, aber ohne eigenen Präsidenten eingerichtet. Sie hatte das Vorrecht, ihre Berichte direkt an den König und das Generaldirektorium in Berlin zu richten. 1782 wurden auch in Bromberg entsprechende Kassen eingerichtet.

Der Netzedistrikt war in die vier landrätlichen Kreise Deutsch Krone, Camin, Bromberg und Ino­wrazlaw (Hohensalza) eingeteilt. Zum Kreis Camin mit u. a. den Städten Camin, Lobsens, Wirsitz, Flatow, Vandsburg und Zempelburg gehörte auch das Gebiet um Runowo. Von 1775 bis 1816 amtierte in Runowo Landrat von Brun. Er war vermutlich in dieser Zeit der Gutsherr. In den wenigen Jahren von 1807 bis 1813 gehörte das Gebiet, wie auch das Kulmer Land außer Graudenz, zu dem von Napoleon eingerichteten Herzogtum Warschau.

Auf dem Wiener Kongress wurde die Rückkehr des Netzedistriktes an das Königreich Preußen entschieden. Dieses schuf 1815 das Großherzogtum Posen, den dazu gehörenden Regierungsbezirk Bromberg und an Stelle der vier landrätlichen Kreise mehrere moderne Landkreise wie den Landkreis Wirsitz mit dem Adligen Gut Runowo. Auf den Landrat von Brun folgte 1816 am neuen Amtssitz in der Stadt Wirsitz Landrat von Bukuwiecki. Er war der erste Pole an der Verwaltungsspitze eines preußischen Landkreises. In diesem wichtigen Amt blieb von Bukuwiecki für 26 Jahre bis 1842. Das Großherzogtum wurde zur Provinz Posen.

Ab 1831 war der Graf Viktor von Szoldrski Eigentümer des Rittergutes ;  von ihm erbte es seine Witwe. Im Jahre 1839 gehörte Runowo Friedrich von Pelet Narbonne. Anschließend sind als Eigentümer ein Jaffe und 1852 Theodor von Bethmann-Hollweg überliefert. Im Jahre 1877 übernahm Ernst von Bethmann-Hollweg die Herrschaft Runowo, als Eigentümer 1896, und auf ihn folgten die Erben Theodor von Bethmann-Hollwegs. Der damals bereits verstorbene Theodor von Bethmann-Hollweg darf nicht mit Theobald Theodor von Bethmann Hollweg aus dem brandenburgischen Kreis Ober-Barnim in der Nähe von Potsdam verwechselt werden, der 1899 eine kurze Zeit von nur gut drei Monaten Regierungspräsident in Bromberg war und von 1909 bis 1917 in Berlin Reichskanzler. Dieser Bethmann Hollweg gehörte zu einem anderen Zweig der Familie. Sein Name wurde ohne Bindestrich geschrieben. Der Reichskanzler soll übrigens 1916 Runowo besucht haben.

Die Bethmann-Hollwegs auf Runowo waren bereits vor 1852 im Gebiet des späteren Kreises Wirsitz ansässig. Ihnen gehörte 1773 oder bald danach das bei der Stadt Mrotschen (Mrocza) gelegene, aber nicht zur Herrschaft Runowo gehörende Rittergut Wiele. Einhundert Jahre später war es von 1873 bis 1906 an die Brüder Rudolf und Albert Prochnow verpachtet. Nach Ablauf der Pacht verkaufte die Erbengemeinschaft von Bethmann-Hollweg das zu diesem Zeitpunkt 790 ha (= 3.160 Morgen) große Rittergut an die »Königliche Aussiedlungskommission für Westpreußen und Posen«. Diese teilte es in 43 Siedlerstellen »verschiedener Größe« auf. Die Siedler kamen aus der Pfalz, aus Mecklenburg und Pommern. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden 1920 alle diese deutschen Siedler vom polnischen Staat enteignet. Die noch ziemlich neuen Bauernwirtschaften erhielten Polen aus dem ehemaligen Kongresspolen, die dann wohl 1939 oder wenig später weichen mussten.

Der erste von Bethmann-Hollweg und seine Nachfolger auf Runowo haben im 19. Jahrhundert gut gewirtschaftet und die Begüterung durch Zukauf ertragreicher gemacht und vergrößert. Daher war es auch möglich, 1860 das imponierende Schloß zu bauen. Als Joachim von Bethmann-Hollweg die Herrschaft 1907 erbte, war sie ein wirklich ansehnlicher Landwirtschaftsbetrieb mit viel Wald. Er konnte das Erbe rd. 22 Jahre, bis 1928/29, fortführen.

Zur Herrschaft Runowo im Landkreis Wirsitz des Joachim von Bethmann-Hollweg gehörten 1907 folgende Güter : 

  1. Rittergut Runowo (mit den Vorwerken
    Gnielke, Waldungen und Rothof)           3.726 ha
  2. Gut Dreidorf                                                284 ha
  3. Gut Heidchen                                              251 ha
  4. Gut Joachimshöh                                         508 ha
  5. Gut Joachimstal                                           496 ha

                                                                               5.265 ha

Die Angaben zur Größe der Herrschaft Runowo variierten von Jahr zu Jahr, auch innerhalb eines Jahres, und dies nicht nur im 19. Jahrhundert, sondern auch im 20. Jahrhundert. Ursachen sind u. a. Landkauf und -verkauf. Einige unterschiedliche Angaben lassen sich nicht erklären. Außerdem werden gelegentlich Ortsnamen und Namen erwähnt, die zur anderen Zeit unerwähnt blieben, weil sie größeren Betrieben zugerechnet wurden.

Im Jahre 1907 zählte die Herrschaft also umgerechnet 21.060 pr. Morgen. Damit bildete sie einen sehr großen Landwirtschafts- und Forstbetrieb. Außerdem gehörten dazu in Runowo eine Dampfziegelei, eine Zementsteinfabrik, eine Molkerei, eine Brennerei und ein Dampfsägewerk. Zwei andere Molkereien befanden sich in Joachimshöh und in Joachimstal. Das Gut Heidchen wurde vom Rittergut Runowo mit bewirtschaftet. Die Güter Dreidorf, Joachimshöh und Joachimstal waren in der Regel verpachtet. Die Ortschaft Mühle Runowo (Runowomühle) war ein eigenständiger Gutsbezirk mit 14 deutschen und einem polnischen Einwohner. Sie gehörte 1907 weder zum Rittergut noch zur Herrschaft. Sie war ein Otto Kumm gehörendes 128 ha großes Gut, davon 70 ha Ackerfläche, mit einer Wasserdampfmühle, das Bethmann-Hollweg 1910/11 kaufen konnte. Er baute dort 1914 für seine Mutter Freda aus dem Hause Arnim-Boitzenburg/Uckermark einen Alterssitz, der das »neue Schloss« genannt wurde. Bis zum alten Schloss waren es nur rd. 500 Meter.

Damals kam es häufig vor, dass gleichnamige Landgemeinden und von ihnen unabhängige – also selbstständige – Gutsbezirke nebeneinander anzutreffen waren, bis später entweder die Gutsbezirke aufgelöst und mit den Landgemeinden oder mit anderen Gutsbezirken zusammengelegt wurden. Die auf einem Gut arbeitende Bevölkerung lebte überwiegend im Gutsbezirk. Es gab aber auch andere, die in der benachbarten Landgemeinde wohnten.

Während die Katholiken ihre Kirche in Runowo hatten, mussten die evangelischen Einwohner zur Kirche nach Vandsburg gehen. Das änderte sich 1890. Die Gutsherrin ließ in jenem Jahr im Dorf ein Pfarrhaus errichten und im Park in der Reitbahn eine Kirche, die schließlich 1905/06, auf Rundhölzer gesetzt, aus dem Park ins Dorf gerollt und dort gegenüber dem Pfarrhaus aufgestellt wurde. Auf diese Weise entstand das evangelische Kirchspiel Runowo. – Der nächstgelegene Bahnhof der Reichsbahn befand sich übrigens seit der Eröffnung der Bahnstrecke Nakel-Konitz 1887 in Waldungen.

Im Dezember 1910 wurde im Bereich der Herrschaft Runowo folgende Bevölkerungszusammensetzung festgestellt, die hier verkürzt festgehalten werden soll :

Gutsbezirk                 Einwohner                davon Deutsche

Dreidorf                         305                                 31

Runowo *                       752                               309

Ronowomühle               15                                  14

Waldungen                   132                                 88

                                    1.294                              442

*  zusammen mit den Gütern Heidchen,

   Joachimshöh und Joachimstal.

 

Bis auf Dreidorf, das ebenfalls ein eigenständiger Gutsbezirk im Landkreis Wirsitz war, 105 Einwohner hatte und auch an der Straße nach Lobsens lag, bildeten die anderen vier zur Herrschaft gehörenden Güter zusammen mit dem Rittergut den Gutsbezirk Runowo neben der benachbarten Landgemeinde Runowo mit 752 Einwohnern.

Landgemeinde           Einwohner               davon Deutsche

Groß Dreidorf                230                                 108

Klein Dreidorf               457                                 341

Runowo                         744                                 287

                                     1.431                               736


Die Zusammensetzung der Bevölkerung war demnach gemischt. Der polnische Anteil überwog mit gut 60 %. Die Evangelische Kirche hatte in den Ortschaften Klein Dreidorf und Runowo jeweils ein Kirchspiel mit eigener Kirche eingerichtet. Die katholischen Einwohner gehörten zu den katholischen Kirchspielen Groß Dreidorf und Runowo.

In dem größten der drei Dörfer (Landgemeinden), in Runowo, lebten zahlreiche deutsche, aber auch polnische Bauern. Ihre landwirtschaftlichen Betriebe waren 10 bis 91 ha groß. Die Mehrzahl lag in der Gemarkung, also außerhalb des Dorfes.

Das Dorf Runowo war bereits im 19. Jahrhundert Schulort. Es gab vor 1920 eine evangelische Schule und eine katholische Volksschule. Danach sank nach und nach die Zahl der deutschen Schüler, weil die deutschen Familien ihr Heimatland verließen oder verlassen mussten. Etwa ab 1922 übernahmen der oder die Lehrer der polnischen katholischen Schule auch die Unterrichtung der verbliebenen evangelisch-deutschen Schüler.

Die Zeit von 1920 bis 1945

Auf die für alle nicht leichten Jahre während des Ersten Weltkrieges, in denen Runowo als Lazarett genutzt wurde, folgte 1920 die Versailler Grenzziehung. Diese bedeutete für den Kreis Wirsitz einschließlich der Herrschaft Runowo die Abtrennung vom Deutschen Reich. Nun galt es für Joachim von Bethmann-Hollweg, das Familienerbe in der Republik Polen zu erhalten und fortzuführen. Das gelang zunächst auch recht gut. Das polnische Güteradressbuch für das Gebiet Posen aus dem Jahr 1926 nennt neun zur Herrschaft Runowo gehörende Güter (Vorwerke) :

Runowo                  3.254 ha

Erikfelde                    195 ha

Heidchen                   251 ha

Dreidorf                    449 ha

Joachimsthal             443 ha

Joachimshöh             499 ha

Marienau                 180 ha

Runowomühle         125 ha

Waldungen              212 ha

                              5.608 ha


Nach dieser Auflistung ist der Gesamtbesitz gegenüber den Angaben von 1907 bis zum Jahr 1926 größer geworden, das Rittergut Runowo aber kleiner, auch wenn das Vorwerk Waldungen hinzugerechnet wird.

Bald danach war der Gutsherr gezwungen, »freiwillig« 200 ha Land zu für ihn ungünstigen Bedingungen für Parzellierungszwecke abzugeben, und 1928 sollte er erneut 700 ha für diesen Zweck zur Verfügung stellen. Da scheint dem Joachim von Bethmann-Hollweg die Freude an dem Familienerbe vergangen zu sein. Am 5. Februar 1928 berichtete die in Bromberg erscheinende Tageszeitung Deutsche Rundschau in Polen, dass Joachim von Bethmann-Hollweg seinen gesamten Besitz mit einer Gesamtfläche von 5.784 ha, davon 2.131 ha landwirtschaftlich genutzte Fläche, an die polnische Bank Rolny [Landwirtschaftliche Bank] verkauft habe. Das waren 176 ha mehr, als rd. drei Jahre vorher vorhanden waren. Die in Pommerellen, Posen und im historischen Kulmer Land als Minderheit verbliebenen Deutschen waren nicht nur überrascht sondern auch stark verärgert, ja sie fühlten sich verraten. Ihnen kam es vor, als hätten sie selbst Eigentum verloren. Die vom Verkäufer genannten wirtschaftlichen und anderen Gründe konnten sie nicht überzeugen. Die erwähnte Zeitung formulierte schließlich, was mindestens die Mehrheit der deutschen Minderheit dachte:

Von Kennern der Sachlage wird bestritten, dass Herr von Bethmann-Hollweg diesen aus nationalen Gründen völlig unverständlichen Verkauf tätigen mußte. Das Kernproblem wäre zu lösen gewesen, wenn der Eigentümer, der sich wohl mehr im Ausland als auf seinem Gut und Boden aufhielt, die Wirtschaftsführung anderen Händen anvertraut hätte. Andere Gutsbesitzer haben unter schwereren Verhältnissen dem Geschick getrotzt. Hier war Hilfe möglich, wenn ihre Form auch unbequem erschien. Wir bedauern den Verlust um Boden, die Entlassung von vielen deutschen Beamten, Arbeiterfamilien, den Verlust des Verkäufers bedauern wir nicht.

Das waren sehr deutliche, aber auch verbitterte Worte. Chefredakteur der Zeitung war zu der Zeit (1925–1939) der sehr angesehene Gotthold Starke, ein Jurist, der 1896 in Runowo als Sohn des evangelischen Pfarrers geboren worden war. Es sollte aber auch festgehalten werden, dass die Familie von Bethmann-Hollweg weder in der Landes- noch in der Kreisgeschichte erwähnt wird. Nur der erste von Bethmann-Hollweg war zeitweise Mitglied des Reichstages. Ganz im Gegensatz zu anderen Besitzern großer Güter, scheinen die Herren auf Runowo unter sich geblieben zu sein.

Der Verkäufer Joachim von Bethmann-Hollweg hatte für sein Familienwesen fünf Millionen Dollar erhalten. Der Dollar war damals noch eine Goldwährung. Ein Dollar war ℛℳ 4,20 wert. Die polnische Bank zahlte also für die Herrschaft Runowo umgerechnet 21 Millionen Reichsmark. Mit dem Verkauf der Herrschaft verloren tatsächlich zahlreiche deutsche Gutsarbeiter und Angestellte ihren Arbeitsplatz wie z. B. Bruno Raddatz, der bis dahin zehn Jahre die Brennerei geleitet hatte, oder der Gärtnereiverwalter Max Eckhardt.

Die landwirtschaftliche Fläche wurde bald nach dem Verkauf parzelliert. Es entstanden etliche 18 bis 20 ha große Siedlungswirtschaften. Sie wurden an polnische Siedler verkauft. Den größten Teil des Gutswaldes übernahm der polnische Staat, der 1928 die Försterei (Forstamt) Runowo mit Sitz im kleinen Schloss in Runowomühle einrichtete. Ein 800 ha großes Restgut blieb in Runowo erhalten. Es sollte den Fortbestand der Brennerei sichern. Dieses stattliche Restgut erwarb Wiktor Szulczewski aus Friedeberg (Neumark). Der neue Gutsherr bezog das mit dem Schloss und allen sonstigen Gebäuden und Einrichtungen 1905 für den Gutsverwalter und Rentmeister Franz Burckhardt erbaute Verwalterhaus. Nach seinem Tode erbten das Restgut seine Witwe Melanie und die Töchter.

Das Schloss wurde nach 1928 zu einem Ferienobjekt. Im Sommer erholten sich darin Offiziere der polnischen Armee. Ab 1935 wurde es von Polens Staat­spräsident Ignacy Moscicki (1926–1933) als Ferien- und Jagdresidenz und als Konferenzort genutzt. Zuletzt traf er sich Weihnachten 1938 mit dem polnischen Marschall Edward Rydz-Smigly in Runowo, seit 1935 Nachfolger des verstorbenen Jozef Pilsudski im Amt des Generalinspekteurs der Streitkräfte. Seit 1936 war er auch Oberbefehlshaber des Heeres. Der Marschall war in jenen Jahren der starke Mann der Republik Polen.

Im Zuge einer Gebietsreform 1938 wurden Woiwodschafts­grenzen und auch Kreisgrenzen verändert. Das im Norden des Kreises Wirsitz gelegene Kreisgebiet um die ehemalige Herrschaft Runowo wurde abgetrennt und dem Kreis Zempelburg zugeteilt. Bei Kriegsausbruch 1939 floh die Familie Szul­czewski rechtzeitig, bevor die deutsche Wehrmacht Runowo erreichte.

Als im Oktober 1939 der Reichsgau Danzig-Westpreußen errichtet wurde, blieb der Landkreis Zempelburg einschließlich der Gemeinde Runowo mit dem ehemaligen Rittergut Runowo bestehen. Im Juni 1942 fand eine Namensänderung statt. Die Gemeinde hieß seitdem und bis Kriegsende »Ruhnau bei Vandsburg«, gelegentlich auch »Runau« geschrieben. Die Behörden, andere öffentliche Einrichtungen sowie Ortsfremde kannten den neuen Namen. Als Postanschrift war er zwingend. Die Bevölkerung des Ortes und in der weiteren Nachbarschaft verzichtete dagegen nicht auf die historische und ihr vertraut klingende Namensform »Runowo«. Auch andere Ortsnamen wurden geändert. Einige Gemeinden in der Gegend erhielten den Namen, der schon seit Jahrzehnten von der Be­völkerung benutzt wurde.

Als 1939/40 das Evangelische Kirchengebiet Danzig-­Westpreußen mit einem evangelischen Konsistorium in Danzig geordnet wurde, kamen die beiden Kirchengemeinden (Kirchspiele) Klein Dreidorf mit Pfarrer Ernst May (seit 1939) und Runowo mit Pfarrer Kurt Fuchs aus Tuchel (seit 1940) an den Kirchenkreis Lobsens. Zu diesem Kirchenkreis hatten sie auch bis 1920 gehört. Im Jahre 1942 änderte sich dies. Die Kirchengemeinde Ruhnau/Runowo wurde dem Kirchenkreis Konitz II zugeteilt, der die Bezeichnung Kirchenkreis Zempelburg erhielt. In Runowo wurde auch wieder eine deutsche Schule mit dem Schulleiter Richard Schmidt eingerichtet.

Die Gemeinde Ruhnau bildete mit acht anderen Gemeinden den Amtsbezirk Vandsburg-Land. Sie war mit 3.064 ha und mit 232 Haushaltungen und 1.141 Einwohnern die größte im Amtsbezirk, flächenmäßig sogar die größte in dem kleinen Landkreis Zempelburg. Ruhnau gehörte 1943 – wie auch vor 1920 – zum Amtsgerichtsbezirk Lobsens.

Die ehemalige Begüterung Runowo wurde vom September 1939 bis Anfang 1945 von der »Reichsland« (Reichsgesell­schaft für Landbewirtschaftung mbH) als Treuhänderin verwaltet. Unklar ist, was im Schloss untergebracht wurde. Möglicherweise hatte sich in ­einem Teil die Verwaltung der Treuhänderin einquartiert, andere Teile haben vielleicht dem Staat und der NSDAP als Gästehaus gedient. Im Laufe des Jahres 1942 – und weiterhin bis 1945 – begann die deutsche Luftwaffe, das Schloss als Uniformlager zu nutzen. – Im Herbst 1939 soll Adolf Hitler Runowo kurz besucht, wohl aber dort nicht übernachtet haben. Es wird zudem berichtet, dass während des Krieges einmal Hermann Göring Ruhnau / Runowo einen Besuch abgestattet haben soll. Der Reichsjägermeister wollte wohl zur Jagd ?  Oder sollte er sich doch für die Fliegerstiefel und die legendären Armbanduhren seiner Piloten interessiert haben ? 

Aus den Kriegsjahren ist ansonsten wenig überliefert. Bekannt ist, dass in dem kleinen Schloss in Runowomühle ein Waisenhaus betrieben wurde. Das Forst­amt Runowo war im Dorf untergebracht worden – oder doch im Schloss ?  Auch die Ereignisse aus den letzten Kriegstagen sind weder dokumentiert, noch sind entsprechende Aufzeichnungen bekannt. Als sich 1945 die Rote Armee Ruhnau / Runowo näherte, gelang es den Luftwaffensoldaten nicht, die im Schloss lagernden Bestände vollständig in Sicherheit zu bringen. Lediglich zwei oder drei mit Uniformen etc. beladene Lastkraftwagen konnten zum Weitertransport der Lagerbestände mit der Reichsbahn zum Bahnhof Vandsburg gefahren werden. Der große Rest verblieb im Schloss, durfte aber dem Feind nicht in die Hände fallen. Daher wurde alles mit Benzin übergossen und angesteckt. Die kaum mit Waffen ausgerüsteten Soldaten setzten sich nach Westen ab. Seitdem ist das Schloss eine ausgebrannte Ruine. Was nicht verbrannte, fiel der zurückbleibenden polnischen Be­völkerung in die Hände. Noch immer existiert in Vandsburg ein deutscher Pilotenhandschuh aus dem Schloss.

Die jüngere Geschichte

Seit längerer Zeit ist die ehemals selbstständige Landgemeinde Runowo eine Teilgemeinde der Stadt Vandsburg im Kreis Zempelburg.

Das Schloß Runowo steht als Ruine abseits vom Wege in den restlichen Parkanlagen, die Privatbesitz sind. In Warschau ist das Schloss offensichtlich dennoch nicht vergessen. Am 12. November 2014 besuchte der damalige polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski die Ruine. Er ließ sich durch den winterlichen Park und den schönen Wald kutschieren.

Bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde aus dem Restgut Runowo eine sogenannte polnische LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft). Das Verwalterhaus hatte den Krieg unbeschadet überstanden. In ihm wurden die Verwaltung der LPG untergebracht und eine Arbeiterwohnung eingerichtet. Das polnische Gesundheitsministerium richtete im kleinen Schloss ein Heim für Kinder zur Vorbeugung von Atemwegs­erkrankungen ein. Man hatte festgestellt, dass das Klima in Runowo besonders gesund ist. Die LPG bestand bis zur politischen Wende in Polen 1989/90. Anschließend wurde sie von dem Agrarbetrieb Runowo Rola übernommen. 1998 kaufte ein Privatmann das Restgut einschließlich der Schlossruine mit dem Park. Einige Jahre später entstand unweit der Ruine, in einer Entfernung von gut 100 Metern, auf dem Grundstück der Pferdeställe das privat geführte Viersternehotel »Palace Runowo« mit Schwimmbad im Haus.

Ein Enkel des letzten deutschen Eigentümers, des Joachim von Bethmann-Hollweg, lebt in England. Er besuchte 2013 Runowo. Polen überreichten dem Besucher einige erhalten gebliebenen Familienandenken. Auch konnte er feststellen, dass sich im Staatsarchiv in Bromberg noch »eine Menge« Archivalien befinden, die an die Familie Bethmann-Hollweg und an die Herrschaft Runowo erinnern.

 

 

Danzig (Adobe Stock) Kompass (Adobe Stock)
Historisierende Collage (Adobe Stock) Galerie (Adobe Stock)
Wahlprognosen und Stimmzettel (Adobe Stock) Kopernikusdenkmal in Thorn (Adobe Stock)