Auf ein Wort (2/2021)

 

Von Aufbruchsstimmung und Aufgaben

 

Von Knut Abraham

 

Im Sommer 1991 herrschte eine ungeheure Aufbruchs­stimmung im deutsch-polnischen Verhältnis. Die Grenzfrage endgültig überwunden, Visumsfreiheit für alle und eine gemeinsame europäische Zukunft, an die die Menschen fest glaubten. Und ein Grundlagenvertrag, der das bilaterale Verhältnis der Nachbarn regeln sollte: Am 17. Juni wird es 30 Jahre her sein, dass Bundeskanzler Helmut Kohl, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und der polnische Ministerpräsident Jan Krzysztof Bielecki sowie sein Außenminister Krzysztof Skubiszewski den deutsch-polnischen Nachbarschafts- und Freundschaftsvertrag unterzeichneten. Und die Hoffnungen der Menschen wurden nicht enttäuscht. Die 1991 folgenden harten Jahre der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umstellung tragen heute Früchte. Reiche Früchte – oder im Bild von Helmut Kohl: Wenn wir Polen und auch die seinerzeit neuen Bundesländer ansehen, so können wir heute mit Fug und Recht von „blühenden Landschaften“ sprechen.

Mit großer Unterstützung aus Deutschland ist Polen Mitglied von EU und NATO geworden und spielt heute in beiden Institutionen eine gewichtige Rolle. Die Kontakte auf Regierungsebene sind eng und vielschichtig. Vor allem aber beeindruckt die unglaublich erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung Polens. Das Land ist heute Deutschlands fünftgrößter Wirtschaftspartner und hat dabei Länder wie Italien und Großbritannien hinter sich gelassen. Tausende deutscher Unternehmen haben im Land zwischen Oder und Bug investiert. Interessant ist, dass auch immer mehr polnische Firmen in Deutschland präsent sind. Durch ihre Produkte, aber auch durch Investitionen. Enorm vielschichtig sind auch die gesellschaftlichen Beziehungen. Geprägt durch hunderte deutsch-polnischer Städtepartnerschaften, Schulpartnerschaften, den Austausch von Chören und Kirchengemeinden. Gerade auch die Landsmannschaften spielen dabei seit vielen Jahren eine wichtige Rolle. Denn viele ihrer Mitglieder mit ihrer ganz besonderen deutsch-polnischen Expertise haben sich bereits seit den achtziger Jahren am Bau der Brücken zwischen beiden Völkern aktiv beteiligt. Wichtig sind darüber hinaus die Partnerschaften zwischen deutschen Ländern und polnischen Wojewodschaften. Die enge Zusammenarbeit zwischen Niederschlesien und Sachsen ist ein anschauliches Beispiel. All das zeigt: Es ist tatsächlich eine gute Partnerschaft entstanden in der Mitte Europas.

Gleichzeitig aber bleiben wichtige Aufgaben. Das betrifft vor allem das gegenseitige Wissen übereinander. Mehr als 1.000 Jahre Nachbarschaft sind so vielfältig, aber auch so verdunkelt durch das Grauen der deutschen Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg und das Massenmorden der Nationalsozialisten. Ein besonders schönes Element des 30-jährigen Jubiläums des Vertrages ist, dass es gelungen ist, gerade jetzt den vierten und letzten Band des deutsch-polnischen Geschichtsbuchs zur Geschichte Europas fertigzustellen. Ein gewaltiger Erfolg; denn gerade um die Kenntnis der Geschichte ist es nicht immer gut bestellt. Vor allem bei jüngeren Deutschen machen sich große Lücken in der Kenntnis der Historie, ja sogar der einfachen Geographie bemerkbar. Und auf polnischer Seite bleibt der Deutschland so prägende Föderalismus zu oft das sprichwörtliche „Buch mit sieben Siegeln“.

Zur Verständigung gehört auch die Sprache. Da kann in Deutschland noch viel getan werden. Einerseits der muttersprachliche Unterricht für die in Deutschland lebenden Polen, aber auch die Vermittlung von Polnisch als Fremdsprache – dies vor allem im grenznahen Bereich. Die Gründung des Kompetenz- und Koordinierungszentrums Polnisch im sächsischen Ostritz im vergangenen Jahr ist ein ganz entscheidender Schritt in die richtige Richtung. Und in Polen haben die Angehörigen der starken deutschen Minderheit wichtige Anliegen für den muttersprachlichen Deutsch-Unterricht, der doch die Grundlage für die Arbeit vor allem mit den Kindern und Jugendlichen darstellt. Gerade die Minderheit, aber auch die Gruppen der infolge des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat Geflohenen und Vertriebenen und die in Deutschland lebenden Polen sind heute ganz wichtige Elemente des engen deutsch-polnischen Verhältnisses.

In diesem Jahr feiern wir auch die ebenfalls 30 Jahre zurückliegende Gründung des „Weimarer Dreiecks“. Das Dreieck bilden Frankreich, Deutschland und Polen. Einst geschaffen, um Polen frühzeitig in die europäischen Entscheidungsfindungen in (seinerzeit) Bonn und Paris einzubinden, können wir heute feststellen, dass dies erheblich dabei geholfen hat, den Erfolg der deutsch-französischen Aussöhnung und Partnerschaft um Polen zu erweitern. Die Gründung der jeweiligen Jugendwerke steht exemplarisch dafür. Das Jubiläumsjahr bietet sich geradezu an, dem „Weimarer Dreieck“ neue Dynamik zu geben. Dabei könnten insbesondere europapolitische und sicherheitspolitische Themen in den Vordergrund rücken.

Natürlich gibt es im deutsch-polnischen Verhältnis nicht immer nur Harmonisches zu vermelden, nicht immer stimmen die Sichtweisen auf bestimmte Fragen überein, ja es gibt mitunter erhebliche Meinungsverschiedenheiten und auch manch scharfes Wort – aber dadurch lässt sich nicht verdunkeln, dass die Richtung stimmt: Die blühenden Landschaften in beiden Ländern muss man eben auch sehen wollen! Die deutsch-polnischen Beziehungen befinden sich seit 30 Jahren auf dem richtigen Weg. Diesen noch zu verbreitern und auszubauen, bleibt unser gemeinsamer Auftrag. Und es ist eine Freude, daran mitzuwirken.

 

 

Danzig (Adobe Stock) Danzig (Adobe Stock)
Kompass (Adobe Stock) Galerie (Adobe Stock)
Historisierende Collage (Adobe Stock) Wahlprognosen und Stimmzettel (Adobe Stock)