Wenn es um das Ende von Westpreußen geht, sind für deutsche Beobachter die Profile der Kontrahenten in der Regel klar bestimmt: An der jeweiligen Zuordnung von Recht und Unrecht, Makellosigkeit und Verworfenheit oder – ganz allgemein – von Hell und Dunkel gibt es kaum Zweifel. Ungeachtet dieser Zuweisungen, die hier wohlgemerkt gar nicht zur Debatte stehen, zeigt sich allerdings, dass Polen, der eine Akteur, dem die Charakteristika des Finsteren, Illegitimen zufallen, oft auf seine reinen Funktionen innerhalb des Rollenspiels beschränkt bleibt. Der östliche Widerpart wirkt dann eigentümlich konturlos: ohne eigenständige Geschichte, ohne nachvollziehbare eigene Handlungsgründe und auch ohne interne Konflikte. – In einer umfangreichen Artikelserie, die sich mit der „Vierteilung“ Westpreußens auseinandersetzt, können derartige Verkürzungen allerdings nicht fortgeschrieben werden, denn hier ist es unausweichlich, auch jenen Gegenspieler differenziert zu betrachten und dessen spezifische Perspektive auf das Geschehen zur Kenntnis zu nehmen. Diese heikle Aufgabe hat dankenswerterweise Jochen ­Boehler übernommen, der sich seit vielen Jahren mit Problemen der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte beschäftigt und erst im letzten Jahr im äußerst renommierten Verlag der Universität Oxford eine Untersuchung zum Bürgerkrieg in Zentraleuropa während der Jahre 1918 bis 1921 und zur Wiederbegründung des polnischen Staates veröffentlicht hat. DW

 

Vergiftete Nachbarschaft

 

Vor 100 Jahren – Das Ende von Westpreußen (2): Die umkämpfte deutsch-polnische Kontaktzone von den „Teilungen“ bis zum Zweiten Weltkrieg

 

Von Jochen Boehler

 

Finis Poloniae

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, existierte der polnische Staat gar nicht. Ende des 18. Jahrhunderts war das geschwächte polnisch-litauische Commonwealth, einst das größte Reich des frühneuzeitlichen Europas, infolge eines „der größten Raubüberfälle in der modernen europäischen Geschichte“ (Norman Davies) von seinen mächtigen Nachbarn Russland, Österreich und Preußen euphemistisch gesprochen „geteilt“, in Wirklichkeit von der Landkarte getilgt worden. Jede der „Teilungsmächte“ annektierte Gebiete des ehemaligen Polens und unterwarf seine polnischsprachigen Einwohner einer Fremdherrschaft. Der größte Teil zwischen Ostsee und Schwarzem Meer wurde als „Westterritorium“ (russ.: Zapadnyĭ Kraĭ), später als „Weichselland“ (russ.: Privislinskiĭ Kraĭ) ein wesentlicher Bestandteil des russischen Reiches. In Polnisch hießen und heißen diese Gebiete landläufig allerdings bezeichnenderweise das „Weggenommene Land“ (Ziemie Zabrane) und – nach dem Wiener Kongress 1815, auf dem das nachnapoleonische Europa aufgeteilt wurde – „Kongresspolen“ (Kongresówka). Mitte des 19. Jahrhunderts besaß Russland über 80 Prozent, Österreich-Ungarn etwas mehr, Preußen etwas weniger als zehn Prozent der Landmasse des ehemaligen Polen-Litauen.

Während die Polnisch sprechende Bevölkerung im russischen ‚Teilungsgebiet‘ stark benachteiligt und im österreichischen stark bevorteilt war, ging Preußen in seinen dazugewonnenen östlichen Territorien einen Mittelweg. Seit Jahrhunderten eine deutsch-polnische Kontaktzone, erlebten sie von Anfang an eine Welle der „Germanisierung“, die mit der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 an Fahrt aufnahm. Die staatliche Politik zielte hierbei auf die Assimilation von ethnischen Polen ab, die – bei einer Gesamtbevölkerung von fast vier Millionen Menschen – durchschnittlich etwa einen von drei Stadtbürgern und drei von fünf Landbewohnern stellten. Neben der Minderheit von einem Prozent Juden bildeten sie die bedeutendste ethnische Gruppe in Pommerellen (poln.: Pomorze) und Großpolen (poln.: Wielkopolska). Die bald einsetzenden diskriminierenden Maßnahmen hatten jedoch einen gegenläufigen Effekt und leiteten den stärksten polnischen National- und Identitätsbildungsprozess aller drei „Teilungszonen“ ein. Zugleich jedoch verzeichnete das preußische „Teilungsgebiet“ – gemessen an den anderen – einen höheren Lebensstandard und brachte zahlreiche moderne polnische Vertretungen wie Vereine, Verlage oder Arbeitergewerkschaften nach deutschem Vorbild hervor. Dadurch unterschieden sich die Polen auf preußischem Gebiet erheblich von ihren Mitbürgern in Österreich-Ungarn und Russland.

Der polnische Nationalismus erwacht

Im 19. Jahrhundert erwachte der polnische Nationalismus, und die Forderung nach der Wiederherstellung eines polnischen Staates bildete das seine verschiedenen Lager einende Ziel. Uneinigkeit bestand hinsichtlich der Wahl der Mittel: Während man im rechtskonservativen Spektrum unter Roman Dmowski auf „organische Arbeit“ in den drei Parlamenten setzte, entschied sich der linke sozialistische Flügel unter Józef Piłsuski für den bewaffneten Kampf gegen Russland: zunächst im Untergrund mit terroristischen Anschlägen, nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges dann mit regulären Streitkräften, „polnische Legionen“ genannt, auf Seiten Österreich-Ungarns. Das war ein Ritt auf Messers Schneide, denn 1915 besetzten Deutschland und Österreich auch das russische „Teilungsgebiet“. Polnische Soldaten dienten also nun den Herren, die sie eigentlich auf lange Sicht aus ihrem Land vertreiben wollten, und kämpften zugleich gegen Soldaten auf russischer Seite, die ebenfalls Polnisch sprachen.

Aus deutscher Sicht war der Einsatz zusätzlicher polnischer Truppenkontingente dringend erforderlich. Dafür war man sogar zu politischen Zugeständnissen bereit: 1916 wurde im deutschen Besatzungsgebiet, dem Generalgouvernement Warschau, ein polnischer Regentschaftsrat ins Leben gerufen, der offiziell als Vorform polnischer Staatlichkeit ausgegeben wurde, in Wirklichkeit aber nicht mehr war als eine Marionettenregierung von deutschen Gnaden.

Dennoch wurde ein Sieg der Mittelmächte immer unwahrscheinlicher. In dieser Situation kündigten Piłsudski und seine Legionäre dem deutschen Kaiser die Gefolgschaft und gingen als Märtyrer in die Gefangenschaft. Ein Mythos war geboren.

Als die deutsch-österreichische Herrschaft im Osten im November 1918 zusammenbrach, blickte man auf einen Scherbenhaufen. Für die Polen, die im Ersten Weltkrieg kämpften, war ihr Einsatz im Rückblick lediglich ein Schritt auf dem Weg zur Unabhängigkeit, aber nur wenige hatten dieses Ziel im Sinn gehabt, als sie sich 1914 zum Dienst meldeten. Es war vor allem die harte Realität der deutschen und österreichischen Herrschaft, die die polnische Zivilbevölkerung entfremdete und sie zunehmend für eine nationale Alternative empfänglich machte. Die Besatzung der Mittelmächte in Polen zwischen 1914 und 1918 ist zwar keineswegs mit der zwischen 1939 und 1945 zu vergleichen. Doch trotz gegenteiliger Absichtserklärungen hatte man die Gelegenheit verpasst, der polnischen Bevölkerung eine gewisse Autonomie zu gewähren, und sie vielmehr gegen sich aufgebracht, indem man ihr Land lediglich als billiges Wirtschafts- und Arbeitskräftereservoir betrachtete. Ausbeutung und Zwangsarbeit sollten ein Vierteljahrhundert später unter deutscher Herrschaft in neuen, schrecklichen Dimensionen wiederkehren.

Ein ostmitteleuropäischer Bürgerkrieg

Der November 1918 ist ohne Frage ein Schlüsselmoment der europäischen Geschichte, nur wird er im Westen des Kontinents ganz anders wahrgenommen als im Osten. Hier bilden die Waffenstillstände das Ende des Ersten Weltkrieges, dort bildet der Niedergang der Imperien die Gründung neuer Nationalstaaten (und weiter östlich schon zuvor des bolschewistischen Russlands). Die Grenze zwischen beiden Erinnerungskulturen verläuft genau zwischen Deutschland und Polen: Auf der einen Seite die Niederlage, auf der anderen Seite der wiedererstandene Staat.

Ende 1918 herrschte in der Zweiten Polnischen Republik aber nicht nur die Hoffnung auf eine glorreiche Zukunft vor, sondern auch die Erinnerung an eine albtraumhafte Vergangenheit. Die polnische Unabhängigkeit nahm in zerstörten Räumen Gestalt an. Vor seiner Blütezeit im November 1918 hatte Polen enorm unter den Auswirkungen des Krieges gelitten und einige der heftigsten Schlachten der Ostfront erlebt, die in ihren Schrecken denjenigen der Westfront nicht nachstand. Epidemien und Hungersnöte plagten die ländliche und städtische Bevölkerung Ende 1918, die Menschen starben noch immer in Massen. Mit dem Rückzug der deutschen Ober-Ost-Truppen mangelte es großen Teilen Ostpolens monate- oder sogar jahrelang an wirksamer staatlicher Kontrolle. Der spätere US-Präsident Herbert Hoover, der damals die amerikanische Hilfsbehörde leitete, bemerkte 1919 zutreffend, dass Teile Polens während des Krieges sieben Invasionen und Rückzüge mit Hunderttausenden von Opfern erlebt hatten, die von massiven Zerstörungen begleitet waren.

Zugleich bildeten die Jahre 1918 bis 1921 das Endstadium eines weltweiten Konflikts, der im Osten von einem weitgehend konventionellen Krieg zwischen den Mittelmächten und Russland in einen Bürgerkrieg ihrer ehemaligen Untertanen überging. Hier wurden die Grenzen der nun inmitten der imperialen Ruinen aufstrebenden Nationalstaaten ausgefochten. Geografisch im Auge des Zyklons, beanspruchte der aufstrebende ethnische polnische Nationalstaat Gebiete, in denen sich Minderheiten fast aller an diesem „mitteleuropäischen Bürgerkrieg“ beteiligten Nationen befanden. Zwischen 1918 und 1921 befanden sich die Polen in einem permanenten Zustand des erklärten oder unerklärten Krieges an buchstäblich allen Grenzen, mit Ausnahme der rumänischen: mit Ukrainern im Osten, mit Litauern im Norden, mit Tschechen im Süden – und mit Deutschen im Westen. Auch wenn diese Grenzkämpfe in der polnischen Historiographie als nationale Unabhängigkeits­kämpfe stilisiert werden, sollten sie in der Praxis der Zweiten Republik schlichtweg ihr Überleben sichern: erstens durch Gebietseroberungen – denn wie anders sollte sonst das ein gutes Jahrhundert zuvor von der Landkarte getilgte polnische Staatswesen wiederrichtet werden –, zweitens durch die Sicherung geographischer und wirtschaftlicher Vorteile – wie einen Zugang zur Ostsee und den Anschluss industrieller und urbaner Zentren – und drittens durch die Schaffung einer möglichst loyalen Mehrheitsbevölkerung in den umkämpften Grenzgebieten.

Kampf um Grenzen und Menschen

Der Ärger in der deutsch-polnischen Kontaktzone begann mit dem Besuch Ignacy Paderewskis in Posen im Dezember 1918. Der polyglotte Starpianist, der gewöhnlich in den Vereinigten Staaten lebte und tourte, setzte sich seit vielen Jahren für einen unabhängigen polnischen Staat ein. Eigentlich hatte seine Reise nach Warschau gehen sollen, den Sitz der neu gebildeten Regierung unter Józef Piłsudski. Stattdessen hatten seine Gastgeber ihn nach Posen gelotst, die Hochburg der polnischen Nationaldemokraten und zugleich – als ehemalige deutsche Hauptstadt im großpolnischen „Teilungsgebiet“ – ein Hexenkessel, in dem pro- und antipolnische Emotionen brodelten. Am 27. Dezember hielt Padereweski vom Fenster seines Hotelzimmers aus vor 50.000 begeisterten Zuschauern – aber auch vielen deutschen Gegendemonstranten – eine improvisierte flammende Rede zum Wiederaufbau Polens. Als deutsche Soldaten die alliierten Flaggen, die die Polen gehisst hatten, niederrissen, gingen beide Gruppen aufeinander los. Der Hexenkessel kochte über. Die Polen waren besser vorbereitet und übernahmen im Laufe des Tages die Macht in Posen und den umliegenden Städten. Sie entwaffneten die verblüfften deutschen Soldaten. Für den Moment gab es keinen großen Kampf und nur wenige Verluste. Die deutschen Truppen konnten die polnischen Aufständischen nur in den Städten mit deutscher Mehrheit weiter nördlich und westlich aufhalten.

Im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen hatten die Männer der „Polnischen Militärorganisation“ – einer paramilitärischen Miliz, die bereits während des Ersten Weltkrieges gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatte – sowie demobilisierte polnische Soldaten aus den Reihen des deutschen Heeres ein klares Ziel. Immerhin hatten einige von ihnen jahrelang auf diesen Moment hingearbeitet. Die deutschen Soldaten waren ihrerseits von den Ereignissen der vergangenen Wochen überwältigt: der bedingungslosen Kapitulation ihrer Armee; dem Zusammenbruch der Regierung, für die sie gekämpft hatten; und der Bildung einer neuen Regierung, die ihnen keine klaren Anweisungen gab, wie sie sich angesichts des polnischen „Verrats“ zu verhalten hatten. Viele deutsche Soldaten aus der Arbeiterklasse sympathisierten sogar offen mit ihren ehemaligen polnischen Kameraden. Die Situation änderte sich, als auch deutsche Paramilitärs die Bühne betraten: die Freikorps, gebildet aus demobilisierten Soldaten des deutschen Heeres und Männern, die zu jung gewesen waren, um selbst im Weltkrieg zu kämpfen und sich nun an der Front bewähren wollten. Sie folgten bereitwillig dem Ruf der Reichsregierung, die deutschen Ostgebiete gegen den polnischen Ansturm zu verteidigen.

Was sich nun im Raum Großpolen und bald auch in Oberschlesien Bahn brach, war ein unerklärter Krieg zwischen auswärtigen deutschen und polnischen Paramilitärs, dem sich zwar Teile der örtlichen Bevölkerung auf beiden Seiten anschlossen, der aber für ihre überwiegende Mehrheit kein nationaler Heldenkampf, sondern eine Tragödie war, denn beide Seiten beraubten und ermordeten Zivilisten. Nun setzte in der Region ein Bürgerkrieg ein, der die vier vorausgehenden Jahre des Weltkrieges bei weitem in den Schatten stellte. Im zwischen Deutschland und Polen umkämpften Gebiet sind seinerzeit mindestens 6.500 Menschen umgekommen, von einer hohen Dunkelziffer ist auszugehen. Es ist schlichtweg unmöglich, hierbei zwischen ‚polnischen‘ und ‚deutschen‘ Opfern zu unterscheiden. Das Nationalitätsprinzip war der Region von außen von beiden Konfliktparteien übergestülpt worden, noch dazu in Form zweier Hüte gleichzeitig, die niemandem richtig passen wollten. Die Bevölkerung Oberschlesiens war gemischt, mehrsprachig und über ethnische Grenzen hinweg miteinander seit über hundert Jahren nachbarschaftlich, weitgehend freundschaftlich und teilweise durch Familienbande verbunden. Neue Studien zeigen, dass Oberschlesierinnen und Oberschlesier häufig unter Nationalität schlichtweg eine temporäre Loyalität verstanden und dass sie sich häufig je nach wirtschaftlicher oder politischer Lage bewusst für die deutsche oder die polnische Seite entschieden.

Von polnischer Seite werden sowohl die Erhebung im Raum Posen als auch die drei Erhebungen in Oberschlesien damals wie heute als „Aufstände“ deklariert. Man sollte jedoch bedenken, dass zumindest Oberschlesien mit seinem prosperierenden Industriegebiet jahrhundertelang Teil des Heiligen Römischen Reiches gewesen und Polen nicht im Zuge der „Teilungen“ weggenommen worden war. Der Konflikt drehte sich hier um Territorien und Wirtschaftsgüter, nicht darum, sich gegen eine deutsche Fremdherrschaft aufzulehnen.

Letztlich hatte Deutschland als „Schurkenstaat“ in Versailles dennoch die schlechteren Karten: Die polnischen Eroberungen in Großpolen wurden gebilligt, und die Aufteilung Oberschlesiens spiegelte das Ergebnis der Volksabstimmung in Oberschlesien von 1923 nicht adäquat wider: Deutschland hatte die Wahl zwar gewonnen, aber dennoch sein Industriegebiet verloren. Ebenso schmerzlich für die deutsche Seite war die Einrichtung eines „Korridors“ durch Westpreußen, der das polnische Staatsgebiet mit der Ostsee verband und zugleich Ostpreußen vom Rest des Reiches trennte. Westpreußen war allerdings vor den „Teilungen“ seit der Lubliner Union von 1569 polnisches Staatsgebiet gewesen. Hier war formaljuristisch kein neuer Zustand geschaffen, sondern ein alter wiederhergestellt worden, der freilich aufgrund der zwischendurch erfolgten Reichsgründung 1871 nun dazu führte, dass Deutschland fortan geteilt war (siehe Karte 1).

„Entdeutschung“

Als die bürgerkriegsähnlichen Wirren an seinen Ost- und Westgrenzen in den frühen 1920er Jahren abgeklungen waren, machte sich der polnische Staat daran, dort – metaphorisch gesprochen – die nicht passenden Hüte passend zu machen. Im Osten geschah dies durch eine Politik der „Polonisierung“, denn Ukrainer und Weißrussen galten als prinzipiell integrierbar. Dasselbe galt nicht für Deutsche im Westen. Wieso eigentlich nicht? In kultureller und sprachlicher Hinsicht war die deutsch-polnische Kontaktzone ebenso durchmischt wie die polnisch-ukrainische. Entscheidend ist, dass nach über hundert Jahren deutsch-österreichischer Oberhoheit in beträchtlichen – und nach vier Jahren Besatzung in allen – polnischsprachigen Gebieten das Tischtuch zwischen den Nachbarn zerschnitten war. Im Westen verfolgte die Regierung der Zweiten Polnischen Republik daher eine gegenläufige Politik der „De-Germanisierung“. Die Blaupause dafür hatte ihr die frühere „Germanisierungs“-Politik des Deutschen Reiches geliefert. Nun wurden statt deutschsprachiger polnischsprachige Siedler aus anderen Landesteilen in die umstrittenen Gebiete gelockt, statt polnischsprachigen deutschsprachige Einwohner durch staatliche Maßnahmen drangsaliert. Landreformen benachteiligten deutsche Großgrundbesitzer im Westen und bevorteilten zugleich polnische Großgrundbesitzer im Osten. Industrieanlagen in deutscher Hand wurden staatlich enteignet, deutsche Arbeiter in Massen entlassen. Staatliche Lizenzen für deutsche Betriebe wurden oft aus fadenscheinigen Gründen nicht verlängert. Die Folge war ein wahrer Exodus deutschstämmiger Familien. Mitte der 1920er Jahre überstieg die Zahl deutscher Emigranten aus Großpolen und Pommerellen bereits eine halbe Million, bis 1939 wuchs sie nochmal um etwa die Hälfte. Wo ganze deutsche Schulklassen verschwanden, konnte der polnische Staat deutsche Schulen schließen. Das Vorgehen entsprach ganz der Linie, die der Marschall des polnischen Parlaments (Sejm) Stanisław Grabski bereits 1919 in seinem „Posen-Programm“ vorgegeben hatte: „Wir wollen unsere Beziehungen auf Liebe gründen, aber es gibt eine Art von Liebe für Landsleute und eine andere für Ausländer. Ihr Prozentsatz unter uns ist definitiv zu hoch; Posen kann uns zeigen, wie der Prozentsatz von 14 Prozent oder sogar 20 Prozent auf 1,5 Prozent gesenkt werden kann. Das fremde Element wird überlegen müssen, ob es anderswo nicht besser dran ist. Polnisches Land für die Polen!“ Zugleich drängte die Reichsregierung deutsche Familien, in Polen zu bleiben, da sie sie als Faustpfand ansah.

Da die Grenzfrage zwischen Weimar und Warschau in den 1920er Jahren virulent blieb, wurde die deutsche Minderheit in Polen zum Spielball beider Seiten. Selbst ein gemäßigter Politiker wie Außenminister Stresemann nannte 1925 als wichtigste Ziele neben der Lösung der Reparationsfrage „den Schutz der Auslandsdeutschen, jener 10–12 Millionen Stammesgenossen, die jetzt unter fremdem Joch in fremden Ländern leben“ sowie „die Korrektur der Ostgrenzen: die Wiedergewinnung von Danzig, vom polnischen Korridor und eine Korrektur der Grenze in Oberschlesien“. Dennoch sollte die politische Brisanz des deutsch-polnischen Konfliktes nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Kontaktzone selbst bis unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg ein weitgehend normales deutsch-polnisches Zusammenleben möglich war.

Regierungen können sich streiten, Nachbarn müssen irgendwie im Alltag miteinander klarkommen. Aber auch wenn sie ihre Vertretungen im polnischen Parlament hatten: Angehörige von Minderheiten – nicht nur der deutschen – waren in der Zweiten Polnischen Politik de facto Bürger zweiter Klasse. Nach seinem Beitritt 1926 brachte Deutschland die Lage der deutschen Minderheit in Polen wiederholt vor den Völkerbund.

Ausblick

Die emotionale Aufladung des politischen Konfliktes hatte langfristig fatale Folgen für die deutsch-polnische Nachbarschaft. Die Offiziersränge der paramilitärischen und militärischen Verbände des „Dritten Reiches“  – SS und Wehrmacht – waren voll von ehemaligen Freikorpskämpfern, die ihr Ressentiment gegen Polen vereinte. Ähnlich, nur mit umgekehrtem Vorzeichen, sah es in den Veteranenverbänden polnischer „Aufständischer“ aus. Der amerikanische Historiker Winson Chu hat aber darauf hingewiesen, dass das politische Gezerre um die deutsche Minderheit in Polen in den 1920er Jahren auch die Gemüter der nachkommenden Generation vergiftete. In einer Umfrage im Deutschen Reich von 1932 gaben über 90 Prozent der nahe der Ostgrenze lebenden Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 11 und 14 Jahren an, Polen und seine Bewohner zu hassen. Sie seien der Feind im Osten, den es zu zerstören gelte. „So war die Einstellung derjenigen Generation“, resümiert Chu, „die 1939 Waffen tragen sollte“.

 

 

 

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