Kultur-Informationen
aus dem »Land am Meer«
(1/2019)

 

Jubiläum   2018 jährte sich in Polen – ebenso wie in Deutschland – die Einführung des Frauenwahlrechts zum 100. Male. Der weltweit am 8. März begangene Frauentag bietet eine gute Gelegenheit, nochmals auf die mannigfachen Veranstaltungen zurückzublicken, die sich in der Woiwodschaft Pomorze auf dieses Jubiläum bezogen haben.

 

  • Während des letzten Jahres fand unter dem Motto „Pomorze ist eine Frau“ eine Veranstaltungsreihe statt, die zumeist vom Europäischen Solidarność-Zentrum, der Zoppoter Bibliothek und dem Danziger Shakespeare-Theater ausgerichtet wurde. Das Programm umfasste thematisch weit gespannte Vorträge, bei denen beispielsweise Polinnen in Piłsudskis Legionen ebenso wie die allgemeine Lage von Frauen in Polen nach 1989 zur Sprache kamen. Als Referentinnen konnten Kunsthistorikerinnen, Literaturwissenschaftlerinnen und Juristinnen, aber auch Künstlerinnen und Schriftstellerinnen wie Sylwia Chutnik gewonnen werden, eine der in Polen führenden feministischen Publizistinnen. Bei verschiedenen Workshops konnten sich Teilnehmerinnen zudem in der koreanischen Kampfkunst Taekwondo unterweisen lassen, ihre Selbstsicherheit beim Auftreten in der Öffentlichkeit stärken oder auch erfahren, wie man Scharpie (bzw. Charpie) herstellt – der Umgang mit diesem inzwischen ungebräuchlichen Verbandmaterial gehörte, insbesondere im 19. Jahrhundert, zu den unentbehrlichen Fertigkeiten der Polinnen, die verwundete Aufständische behandeln mussten. (Unter dem Einfluss von #MeToo erhielten auch Männer Einladungen zur Teilnahme an einigen Workshops.) Schließlich wurden im Rahmen eines „performativen Lesens“ Klassiker wie Tolstois Anna Karenina, Jane Austens Verstand und Gefühl oder auch Stieg Larsson Bestsellerkrimi Verdammnis rezitiert.
  • Das Danziger Institut für städtische Kultur führte zusammen mit den Vereinen „Arteria“ und „Metropolitanka“ 2018 ein groß angelegtes Projekt durch, bei dem 100 Biogramme von herausragenden Bewohnerinnen der Region erstellt, gesammelt und online zugänglich gemacht worden sind. Geehrt wurden in erster Linie Polinnen, aber auch deutsche Frauen der Vorkriegszeit – wie Hildegard Carlson, die Erbin des Schichau-Unternehmens, Ruth Rosenbaum, die das jüdische Gymnasiums in der Freien Stadt Danzig gründete, oder die Sexualwissenschaftlerin Charlotte Wolff.
  • Literaturwissenschaftlerinnen und Sozialaktivistinnen aus der Dreistadt, die der linken Zeitschrift Krytyka Polityczna nahestehen, erarbeiteten nach feministischen Kriterien eine literarische Rangliste von „100 Büchern für das 100. Jubiläum“. Zur Wahl standen dabei so unterschiedliche Werke wie Orlando von Virginia Wolf, Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren und Das andere Geschlecht von Simone de Beauvoir. Berücksichtigung fanden – bei einem Danziger Ranking kaum überraschend – auch Bücher wie der Roman Esther von Stefan Chwin oder der Essayband Kobiety i duch inności (Frauen und das Bewusstsein des Andersseins) von Maria Janion, einer hervorragenden Spezialistin für die romantische Literatur, die eng mit der Stadt verbunden ist und deren Biogramm im Rahmen des oben genannten Projekts ebenfalls bearbeitet worden ist.
  • Ihren Höhepunkt erreichten die Veranstaltungen im November. In diesem Monat, und zwar am 28. 11. 1918, war das allgemeine Frauen-Wahlrecht in Polen dekretiert worden. Am 10. November fand im Europäischen Solidarność-Zentrum eine Tagung statt, bei der erstmals Ausschnitte des neu gedrehten, polnischen Frauenrechtlerinnen gewidmeten Filmes Siłaczki („Kraftfrau“, nach dem Titel einer Novelle von Stefan Żeromski) öffentlich zu sehen waren und in einem Happening eine Suffragetten-Kundgebung nachgespielt wurde. Das Ende der Konferenz bildete ein „Express-Ball“ – ein Vergnügen, das lediglich eine Stunde dauern durfte, weil es sich – so die Begründung der Veranstalter – Wahlrecht-Kämpferinnen kaum leisten können, ihre knappe Zeit mit Unterhaltung zu vergeuden. Am 28. November, dem Tag des Jubiläums, erhielten die Danzigerinnen symbolisch die Schlüssel zu den Stadttoren. Zudem konnten sie an diesem Tag u. a. einen Spaziergang auf den Spuren von berühmten Frauenrechtlerinnen der Stadt unternehmen.
  • Feministische Themen und Motive hatten schließlich auch beim letztjährigen Ethno-Festivals „Globaltica“ im Mittelpunkt gestanden, das in Gdingen (wie üblich im Juli) organisiert worden war. Im Programm gab es z. B. einen Workshop „Zeig Mut! Unterstütze Frauen“ sowie Vorträge, die den Fragen nachgingen, warum so vieles in der Geschichte von Frauen noch im Dunkeln liegt und wie die psychologischen Mechanismen von Frauendiskriminierungen wirksam werden. Gezeigt wurde hier zudem der Dokumentarfilm Założę czerwone spodnie (Ich ziehe rote Hosen an). Er handelt von älteren Frauen, die sich den von der polnischen Gesellschaft aufgezwungen, von Stereotypien bestimmten Rollen bewusst entziehen.

Joanna Szkolnicka

 

Kompass (Adobe Stock) Danzig (Adobe Stock)
Galerie (Adobe Stock) Historisierende Collage (Adobe Stock)
Wahlprognosen und Stimmzettel (Adobe Stock) Kopernikusdenkmal in Thorn (Adobe Stock)