Kultur-Informationen
aus dem »Land am Meer«
(3/2019)

 

Zeitreise

Die Einwohner und Gäste von Zoppot haben in diesem Jahr die Möglichkeit, sich in die Zwischenkriegszeit versetzen zu lassen. Diesem Leit-Thema folgt eine Reihe von Ausstellungen, Workshops, Konzerten, Filmaufführungen oder historischen Spaziergängen. Vom Zoppoter  „Theater am Strand“ werden Klassiker des europäischen Stummfilms präsentiert, darunter Mocny człowiek [Der starke Mensch] von Henryk Szaro, dessen Drehbuch dem Roman von Stanislaw Przybyszewski folgt, der Kammerspielfilm Der letzte Mann von Friedrich Wilhelm Murnau und Der Fuhrmann des Todes nach Motiven der gleichnamigen Novelle der schwedischen Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf. Im gleichen Theater wird ein Stück aufgeführt, das einerseits von dem futuristischen Bühnenwerk Kochanek Sybilli Thompson [Der Liebhaber von Sybilla Thompson] der Dichterin und Dramatikerin Maria Pawlikowska-Jasnorzewska (1891–1945) inspiriert ist – darin hatte sie sich mit der von ihr erlebten Realität der Zwischenkriegsära auseinandergesetzt –, und das andererseits der „weiten Zukunft“ nachspürt, die Pawlikowska-Jasnorzewska visionär antizipiert hat. Freilich werden auch Jazz- und Tangokonzerte oder Yoga-Kurse und Zumba-Routinen angeboten. Aber selbst Besucher, die solche Veranstaltungen bevorzugen, können zwischendurch mit dem historischen Generalthema in Kontakt kommen: Das Zopotter Museum eröffnet bald seine Ausstellung Cisza przed burzą [Stille vor dem Sturm], die der Kursaison des Sommers 1939, der letzten in Friedenszeiten, gewidmet ist.

 

Junge Kunst

Das Nationalmuseum in Danzig hat seine Bestände mit einer bedeutenden Sammlung junger polnischer Kunst erweitern können. Dabei verdankt es die Erwerbungen einer Stiftung von Basil Alkazzi, einem britischen, 1938 in Kuwait geborenen Maler, der dem Museum im Jahre 2015 den üppigen Betrag von 400.000 Dollar zugewendet hat – allerdings unter der Bedingung, das die Summe für den Einkauf von Gemälden eingesetzt wird, deren Schöpfer wirklich junge polnische Künstlerinnen und Künstler sind, d. h., deren Debüt darf nicht vor dem Jahre 2000 erfolgt sein. Diese Geschichte wirkt geradezu märchenhaft – und in ihr gibt es noch eine weitere Hauptrolle: Halima Nałęcz (1914–2008), eine aus dem Wilna-­Gebiet stammende Malerin und Fotografin, die nach dem Krieg in London lebte und dort ihre eigene, höchst erfolgreiche Galerie eröffnete. In diesem Zusammenhang lernte sie den damals noch jungen Künstler Basil Alkazzi kennen und schätzen. Sie förderte seine Karriere, indem sie ihm die Möglichkeit verschaffte, seine Werke dem Publikum zu präsentieren. Nałęcz war überdies eine großzügige Mäzenin des Danziger Museums, und es gelang ihr, ihre Begeisterung für die Stadt an der Mottlau ihrem ehemaligen Schützling weiterzuvermitteln, so dass der nun mit seiner Stiftung die Galeristin ehren und ihre Mission fortsetzen wollte. Durch diese Konstellation ist das Nationalmuseum im Laufe der letzten vier Jahre in den Besitz von 153 Werken gelangt, die von 109 jungen polnischen Künstlerinnen und Künstlern geschaffen wurden. Diese neue Sammlung bildet ein Ensemble vielfältiger und spannender Gestaltungsideen und künstlerischer Ansätze – und wird noch bis zum 16. Juni in einer Sonderausstellung gezeigt.

 

Über-Setzen

Im „Danziger Literatur-Forum“, das vom 11. bis zum 13. April stattgefunden hat, trafen sich neuerlich (wie alle zwei Jahre) die Übersetzer zu einem Kongress, auf dem die Ansätze, die Vielfältigkeit – und letztlich wohl auch Unwahrscheinlichkeit – des Über-Setzens von einer Sprache in eine andere facettenreich verhandelt wurden. Die Veranstaltungen stehen unter dem kaum angemessen ins Deutsche zu übertragenen Obertitel Odnalezione w tłumaczeniu [Gefunden in der Übersetzung]; und in diesem Jahr richtete sich das Interesse auf eine „Reise nach Osten“ (Podróż na Wschód). Einige Beispiele sollen einen Eindruck von der Attraktivität und Originalität des Programms vermitteln: Den Einführungsvortrag hielt die renommierte Schriftstellerin Olga Tokarczuk; der ebenfalls sehr bekannte Dichter, Essayist und Literaturkritiker Andrzej Stasiuk diskutierte mit den Übersetzern seiner eigenen Texte über den Prozess solch einer „Übertragung“; des Weiteren verdeutlichte ein Vortrag die Schwierigkeiten, Werke, die in japanischer Sprache verfasst worden sind, im Polnischen wiederzugeben; Globetrotter wurden befragt, wie der Begriff „Osten“ zu verstehen sei; das Publikum konnte ein „Live-Duell“ von zwei Übersetzerinnen aus der russischen Literatur verfolgen; litauische, ukrainische, slowakische und syrische Poesie wurde – im Original und mit musikalischer Begleitung – in nächtlichen Lesungen vorgetragen; und nicht zuletzt gab es Kurse, in denen die sonst bewegungsarm an den Computer gefesselten Übersetzerinnen und Übersetzer angehalten wurden, sich durch Yoga-Übungen zu entspannen.

 

Polnische National-Oper

Aufgrund einer Entscheidung des Sejm ist das Jahr 2019 dem „Vater der polnischen Oper“, Stanisław Moniuszko (1819–1872), gewidmet. Dementsprechend hat sich die Staatliche Baltische Oper Danzig der Oper Hrabina [Die Gräfin] angenommen. Regie führt Krystyna Janda, die als eine der herausragenden Vertreterinnen des polnischen Theaters und Films gilt. Sie lässt die Handlung an Orten wie einer Shoppingmall spielen und legt auf die Ausstattung mit Kostümen, denen sogar eigene dramaturgische Funktionen zugewiesen werden, besonderen Wert. Die Premiere ist auf den 5. Mai angesetzt.

Joanna Szkolnicka

 

 

 

Kompass (Adobe Stock) Danzig (Adobe Stock)
Galerie (Adobe Stock) Historisierende Collage (Adobe Stock)
Wahlprognosen und Stimmzettel (Adobe Stock) Kopernikusdenkmal in Thorn (Adobe Stock)