Die Bedeutung des Deutschen Ordens für die Entwicklung des Ostseeraumes

 

Von Udo Arnold

 

Anwege und Optionen

Die Region, die viel später den Namen Westpreußen erhielt, lag vor der Ankunft des Deutschen Ordens im 2. Viertel des 13. Jahrhunderts weit entfernt von den christlichen Vorstellungen, die sich eher dem Mittelmeerraum als dem Ostseeraum zuwandten, wenngleich die Gebiete dem Kaufmann durchaus bekannt waren. Die Kreuzzugs­ideologie richtete sich aber inzwischen nicht mehr nur auf das Heilige Land, sondern generell auf nichtchristliche Länder. Damit geriet auch der Ostseeraum stärker in den Fokus. Längst waren Mission und politische Unterwerfung als territoriale Erweiterung eines Herrschaftsraumes gleichgesetzt. Kreuzzugsideologie und Territorialdenken deckten sich.

Bislang hieß die führende Macht im Ostseeraum Dänemark. Das Königreich griff zu Beginn des 13. Jahrhunderts intensiv nach Osten aus, Livland hieß das Ziel. Vom damals unter dänischer Herrschaft stehenden Erzbistum Lund (Schweden) wurde das Bistum Reval am Finnischen Meerbusen 1219 begründet. Von der Wesermündung her erfolgte der Ausgriff auf die Dünamündung, das Erzbistum Hamburg-­Bremen erhoffte sich mit der Gründung des Bistums Riga zu Beginn des 13. Jahrhunderts ein neues Einflussfeld. Auch Kaiser und Papst richteten in den 20er Jahren ihre Aufrufe in Regionen, in denen sie nicht zu spät kommen wollten beim Erschließen neuer Machtbereiche. Am wenigsten betroffen von diesem Ausgreifen war noch das Land zwischen Weichsel und Memel.

Polen hatte seit der Mitte des 12. Jahrhunderts die Herrschaftsform des Seniorats: Der jeweils Älteste der verzweigten Piastensippe sollte König sein, die Oberherrschaft  rotieren, damit kein Zweig der Familie die anderen dominierte. Diese Theorie ließ sich in der Praxis jedoch nicht durchführen. Der Kampf um die Führungsposition kannte daher zu Beginn des 13. Jahrhunderts zwei piastische Kraftfelder: Schlesien und Masowien-Kujawien, also im Süden und im Norden Polens. Masowien hatte einen Nachteil und einen Vorteil zugleich – in den Prußen besaß es heidnische Nachbarn. Ließen sie sich unterwerfen und taufen, besaß Herzog Konrad von Masowien ein entscheidendes Plus gegenüber seinem Vetter Herzog Heinrich I. dem Bärtigen von Schlesien und damit den höheren Anspruch auf die gesamtpolnische Herrschaft.

Doch inzwischen konnte der aus Pommerellen oder Kujawien kommende Zisterzienser Christian einige Tauferfolge in Preußen aufweisen, so dass der Papst ihn 1215 zum Bischof von Preußen ernannte. Aber der pru­ßische Widerstand wuchs, nicht zuletzt durch den Plan einer Verbindung der Mission mit der Unterwerfung unter Masowien. Damit geriet Herzog Konrad selber in die Defensive. In dieser Situation suchte er 1225 Hilfe am Kaiserhof.

Friedrich II. geriet dadurch in eine Zwickmühle. Zwar hatte er im Jahr zuvor ein Manifest an die baltischen Völker erlassen, das seine Interessen dort widerspiegelt. Doch sein bereits 1215 in Aachen gegebenes Kreuzzugsversprechen gegenüber der Kurie und seine nicht zuletzt mit der Heirat Isabellas von Brienne, der Erbin des Königreichs Jerusalem, in den Mittelmeerraum gerichtete Politik hatte Vorrang. In dieser Situation erhoffte er sich Unterstützung bei dem längst fälligen Kreuzzug ins Heilige Land durch den regierenden Landgrafen Ludwig von Thüringen, den Mann der später heiliggesprochenen Elisabeth von Ungarn. Ihm versprach er die Anwartschaft auf Preußen, das Ludwig sich nach dem Kreuzzug allerdings erst erobern müsste.

Die Thüringer hatten sich im Zuge der Thronfolgewirren zwischen Staufern und Welfen schließlich Friedrich II. zugewandt, und neben der versprochenen Eventualnachfolge in der Mark Meißen war dies die zweite Möglichkeit für die aufstrebende Landgrafschaft, eine wichtigere Rolle im Reichsgefüge einnehmen zu können. Wesentlich beteiligt an diesen Überlegungen auf einem Hoftag in Rimini 1226 war Hermann von Salza, von Hause aus thüringischer Ministeriale, Hochmeister des Deutschen Ordens und enger Berater des Kaisers.

Eine Seuche, der auch Ludwig 1227 zum Opfer fiel, verhinderte noch in Süditalien den Beginn von Friedrichs Kreuzzug. Das änderte jedoch nicht den ausgreifenden politischen Blick des Kaisers und des Hochmeisters. Der Deutsche Orden trat in die ursprünglich auf Landgraf Ludwig ausgerichtete Politik ein. Sie passte gut zu den Plänen des Hochmeisters, für seinen Orden ein eigenes Territorium zu erwerben.

Den ersten Erfolg versprechenden Ansatz hatte es im ungarischen Burzenland gegeben, in das er 1211 von König An­dreas II. zum Kampf gegen die heidnischen Kumanen gerufen worden war. Auf dem Hintergrund einer generellen politischen Umorientierung Ungarns, verbunden mit inneren Auseinandersetzungen des Königs mit seinem Adel, hatte der Orden jedoch 1225 das Land wieder verlassen müssen. Zur gleichen Zeit hatte er weitere Optionen, im Königreich Armenien, im Heiligen Land, in Spanien – nun kam Preußen hinzu. Welche der Optionen sich als tragfähig für die Zukunft erweisen würde, ließ sich nicht vorhersehen. Nun erkundete der Orden 1228 das in Frage kommende Gebiet und verhandelte nach seinen negativen Erfahrungen mit Ungarn sehr vorsichtig, bis Herzog Konrad von Masowien (Konrad Mazowiecki) ihm 1230 das zu Masowien gehörende, aber von Prußeneinfällen betroffene Kulmerland ohne Vorbehalte schenkte. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts blieb dies ein Problem polnischer Tagespolitik, hieß es doch in der Polemik gegen den ersten nichtkommunistischen Premierminister Polens, Tadeusz Mazowiecki, dass schon einmal ein Mazowiecki das Unglück Polens vorbereitet habe.

Landnahme und Territorialausbau

Nachdem Friedrichs keineswegs unproblematisch verlaufener Kreuzzug nach Jerusalem 1229 mit kräftiger Unterstützung des Deutschen Ordens erfolgreich abgeschlossen worden war und 1230 die Aussöhnung des Kaisers mit dem Papst unter Vermittlung Hermann von Salzas gelang, begann die Eroberung des Kulmerlandes und anschließend Preußens durch den Deutschen Orden. Die Prußen nahmen Bischof Christian 1233 gefangen und räumten damit den kirchenrechtlichen Konkurrenten des Ordens aus dem Weg, so dass 1234 die päpstliche Privilegierung des Ordens für sein Preußenunternehmen erfolgte („Rietibulle“). Rechtzeitig vor der Mündigkeit und damit der Möglichkeit eines Erbanspruchs Hermanns II. von Thüringen, des Sohnes und Erben Ludwigs und der 1234 heiliggesprochenen Elisabeth, stellte Friedrich II. 1235 sein Privileg für den Orden in Preußen aus („Riminibulle“). Es wurde auf den Hoftag von 1226 rückdatiert und besaß einen Inhalt, der für Ludwig sicher nicht geplant gewesen war. Der Orden hatte inzwischen ein päpstliches Lehnsverbot, die Exemtion, erhalten, und damit konnte Preußen nicht mehr Teil des Deutschen oder Römischen Reiches werden. Das wurde entscheidend für die preußische Entwicklung bis ins 19. Jahrhundert.

Die Unterwerfung des Landes zwischen Weichsel und Memel durch den Deutschen Orden fand in den nächsten fünf Jahrzehnten statt. Franziskaner und Dominikaner übernahmen die Mission. Durch die Inkorporation der livländischen Schwertbrüder in den Deutschen Orden 1237 kam Livland als Heidenkampffront hinzu, dessen Ostgrenze gegenüber dem Großfürstentum Nowgorod durch die Schlacht auf dem Peipussee 1242 für die folgenden Jahrhunderte fixiert wurde – bis in die Gegenwart als Grenze zwischen Estland und Russland. Als Teil der polnischen und jüngeren Rigaer Kirchenprovinz musste der Orden in Preußen den entstehenden Bistümern ein Drittel des eroberten Territoriums übergeben. Im Gegenzug versuchte der Orden, sich die Bistümer zu inkorporieren. Das gelang für Kulm, Pomesanien, Samland und Kurland, misslang für Ermland und die livländischen Bistümer. Im Ergebnis bedeutete das für Preußen ein weitgehend einheitliches Territorium unter der Oberhoheit des Ordens.

In Preußen erfolgte ein systematischer Territorialausbau. Die Prußen hatten nur eine lockere Stammesorganisation besessen, wenngleich sie bereits weitgehend sesshaft und von einer Naturreligion geprägt waren, die durchaus Trinitätsvorstellungen kannte. Der Orden hatte sie nach dem ersten Aufstand im Christburger Frieden von 1249 als Partner akzeptieren müssen, sofern sie sich taufen ließen und seiner Herrschaft unterstellten. Damit war ein ethnisches Nebeneinander vorprogrammiert, das in den kommenden Jahrzehnten sich verstärken sollte infolge intensiver deutscher Siedlung. Mit der Eroberung des Herzogtums Pommerellen westlich der Weichsel mit seinem Hauptort Danzig zu Beginn des 14. Jahrhunderts kam ein erheblicher Anteil slawischer Untertanen hinzu; etliche hatte es bereits im Kulmerland gegeben. Doch aus diesem ethnischen Nebeneinander wurde ein Miteinander, es entstand der Neustamm der Preußen, der infolge wirtschaftlicher, rechtlicher und kultureller Dominanz deutsch geprägt war und seine prußischen und slawischen Wurzeln seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts kaum noch erkennen ließ. Namensformen der Gegenwart sind jedoch noch ein deutliches Erbe.

Die deutsche ländliche Siedlung in Preußen war stark thüringisch und schlesisch bestimmt, die neu gegründeten Städte vor allem im Küstenbereich niederdeutsch. Kaufleute und Bauern siedelte der Orden an, jedoch keinen Adel, da er keinen großen, konkurrierenden Grundbesitz wünschte. Der Orden gab den Neusiedlern ein einheitliches, von ihm geschaffenes, deutschrechtlich orientiertes Recht, das sein Territorium deutlich zusammenschloss und gegenüber den Nachbarn abgrenzte. Genauso grenzte er selbst sich gegenüber seinen Untertanen ab, da sein Nachwuchs an Rittern aus dem Deutschen Reich kam und eine ihm vergleichbare Schicht des niederen Adels und der Ministerialität in Preußen nicht existierte. Das bedeutete automatisch eine Übernahme westlicher Kultur, auch wenn sie teilweise eigene Ausformungen erhielt, wie in der Architektur oder der Dichtung.

Im benachbarten Livland, nicht nur unter der Herrschaft des Ordens, sondern auch der nicht inkorporierten Bistümer, erreichte die bäuerliche deutsche Siedlung die Gebiete nicht. Es kam der Ordensritter aus dem Reich, vor allem aus Westfalen und dem Rheinland. Ihm folgte – im Gegensatz zu Preußen – der dortige Adel, häufig Verwandte, der in den Bistumsterritorien die Gutswirtschaft aufbaute; im eigenen Territorium versuchte der Orden eine ähnliche Struktur wie in Preußen durchzusetzen. Die Bauern stellten die Autochthonen. In den Städten siedelten sich niederdeutsche Kaufleute an. Auf diesem Wege war zwar die Oberschicht ebenfalls deutsch, doch es blieb eine relativ große Zahl undeutscher Untertanen. Somit war zwar die wirtschaftliche, rechtliche und kulturelle Prägung ebenfalls weitgehend deutsch, doch kam es nicht zur Bildung eines deutsch geprägten Neustammes, auch wenn sich ethnische Verschiebungen bei der Urbevölkerung ergaben. Daher konnten sich nach dem Ersten Weltkrieg mit Estland und Lettland eigene Nationalstaaten entwickeln.

Strukturen der Landesherrschaft

Einzugehen ist auf eine weitere Entwicklungsstufe der Landesherrschaft in den Ordensgebieten. Der Orden war darauf bedacht, in Preußen als Rahmen seiner Territorialherrschaft ein einheitliches Recht im gesamten Land durchzusetzen mit einem eigenen Oberhof in Kulm; so gab es lübisches Recht nur im nicht inkorporierten Bistum Ermland, und nach der Eroberung Pommerellens wurden die dortigen Städte, z. B. Danzig, umgerechtet nach Kulmer Recht. Ebenso schuf er eine einheitliche Münze und ein einheitliches Maßsystem. So ließ er außer den Bettelorden keine anderen Orden im Lande zu, da der Grundbesitz ebenfalls in seiner Hand bleiben sollte. Nur in Pommerellen gab es bereits vor der Eroberung durch den Orden ­einige Zisterzienserklöster wie Oliva und Pelplin, dort und in Preußen selber nur ganz wenige Frauenklöster mit minimalem Besitz. Diese Form einer vereinheitlichenden Landesherrschaft war im 13. /14. Jahrhundert sehr ungewöhnlich; sie stellt einen Vorläufer des frühneuzeitlichen europäischen Flächenstaates dar. Das Ergebnis lässt sich auch in Kunst und Kultur feststellen. Wir haben es zwar mit einer Art Koloniallandschaft zu tun, in die aus Süden wie Westen importiert wurde, in der sich aber eigene Formen im städtischen wie im ländlichen Bereich entwickelten.

Einen wesentlichen Unterschied zu anderen Territorien bildete auch die Form der Territorialherrschaft. Landesherr war nicht etwa der seit 1309 in Preußen residierende Hochmeister, sondern der Orden als Gesamtheit; jeder Ordensritter war somit Teil der Landesherrschaft. Es gab also keine personale Herrschaft, sondern eine korporative. Da der Orden in der Eroberungszeit das Land mit einem recht dichten Netz von Burgen überzogen hatte, die die Verwaltungs- und Wirtschaftszentren des Landes darstellten, war der Landesherr in ganz anderer Art präsent als dies etwa in Livland in den Bistumsgebieten der Fall war. Dort saß neben dem Bischof und den Domkapiteln ein lokaler Adel als Vasallen, was es in Preußen nicht gab. Die landesherrliche Durchdringung des Territoriums Preußen war damit weit stärker, als es in jedem anderen mittelalterlichen Territorium der Fall sein konnte. Auch das schuf intensive Formen der Vereinheitlichung wie des kulturellen Transfers.

Diese kleingliedrig-dominierende Landesherrschaft war zudem aufs engste mit der kongruent disponierten Grundherrschaft verbunden; der Orden bewirtschaftete über seine Burgen und Vorwerke das Land, das sonst dem Adel gehört hätte. Das bedeutete ein erheblich höheres Maß an Einkünften, als sie andere Landesherren erhielten. Hinzu kam ein weiteres Spezifikum. Gerade innerhalb des Deutschen Reiches stammten anfangs viele Ordensbrüder aus dem städtischen Patriziat, also aus einer mit Wirtschafts- und Handelsfragen vertrauten Sozialschicht. Auf diesem Erfahrungsschatz aufbauend, beteiligte er sich mit einem umfangreichen Eigenhandel von Preußen aus am nordeuropäischen Wirtschaftsleben, völlig ungewöhnlich für einen mittelalterlichen Landesherrn. Damit erreichte er eine bedeutende Liquidität, die ihm auch politisch erhebliche Bewegungsfreiheit im Ostseeraum gab. Polen und der europäische Adel hatten dem Orden geholfen, seine Landesherrschaft in Preußen aufzubauen und dort ein autonomes, souveränes, keinem Reichsverband angehörendes Territorium zu schaffen. Preußen wie auch die Ordensterritorien in Livland bildeten eine scharfe politische, jedoch nicht wirtschaftliche Abgrenzung zu den jeweiligen Nachbarterritorien, wobei für Livland die Abgrenzung zur orthodoxen Welt, also zu Häre­tikern hinzukam. Das bedeutete in vielen Fällen auch eine kulturelle Abgrenzung. Das damit verbundene Bewusstsein erhielt sich nicht nur bis in die Reformationszeit hinein, sondern ist bis in die Gegenwart zu spüren.

Der Niedergang einer Regionalmacht

Die politische Macht des mittelalterlichen Ordens bedeutete für den gesamten Ostseeraum einen prägenden Faktor. War es noch zu Beginn des 13. Jahrhunderts Dänemark gewesen, das den Raum dominiert hatte, so wurde dessen Einfluss deutlich zurückgedrängt. Bereits in der von Dänemark gegen die norddeutschen Fürsten und Städte verlorenen Schlacht von Bornhöved 1227 hatte sich entschieden, dass der norddeutsche Raum eindeutig Reichsgebiet blieb. Auch der dänischen Ausdehnung in die Ostsee war damit ein deutlicher Riegel vorgeschoben. Das zeigt sich sowohl hinsichtlich Pommerns als auch der nordlivländischen Gebiete, d. h. Harriens und Wierlands. Der Orden hat sie im 14. Jahrhundert Dänemark abgekauft. Es blieb für das dänische Königtum nur der skandinavische Raum als Expansionsgebiet, die südliche und östliche Ostseeküste war von der pommerschen Ostgrenze an durch die Militärmacht des Ordens besetzt. Diese Gegnerschaft sollte in der Kalmarer Union, dem Zusammenschluss der drei nordischen Reiche unter der dänischen Königin Margarethe I. 1397, nochmals einen Höhepunkt finden, auch in der Gegnerschaft zum Deutschen Orden.

Selbst in diesen Raum griff der Orden aus, wenngleich nicht dauerhaft. So besetzte er zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Insel Gotland, um dem Seeräuberunwesen ein Ende zu bereiten, auch wenn die Insel anschließend an Dänemark zurückgegeben wurde. Gleichzeitig kaufte er dem böhmisch-luxemburgischen Königshaus die Neumark ab, damit sie nicht in die Hände des Nachbarn Polen gelangte, mit dem es seit der Eroberung Pommerellens Anfang des 14. Jahrhunderts dauerhafte Probleme gab. Der Orden war zu jenem Zeitpunkt auf der Höhe seiner Macht. Gleichzeitig war ihm jedoch im Nordosten und Osten ein mächtiger Gegner erstanden durch die polnisch-litauische Heirat und die damit verbundene Christianisierung Litauens am Ende des 14. Jahrhunderts. Es war ihm trotz aller Versuche nicht gelungen, das westliche Litauen zu erobern, das wie ein Keil die preußischen und livländischen Ordenslande voneinander trennte. Nun saß er in der Zange, die sich wenige Jahre später schloss. 1410 erlitt er seine schwerste Niederlage in der Schlacht von Tannenberg. Sie kostete ihn viel Geld, jedoch bedeutete sie keine Territorialverluste. Die Territorialherrschaft des Ordens wurde nun zwar auch innerhalb des Landes durch das Begehren vor allem der Städte nach Teilhabe an der Herrschaft erschüttert, doch konnte er sich noch bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts halten – er blieb eine politische Macht im Ostseeraum, mit der man zu rechnen hatte.

Der entscheidende Einbruch erfolgte erst in der Jahrhundertmitte, als sich die Untertanen vor allem der westlichen Städte gegen ihren Landesherrn erhoben, mit dem polnischen König verbündeten und das Geld für einen Krieg aufbrachten, den der Orden mangels Finanzen und eigener militärischer Ressourcen nicht gewinnen konnte. Ergebnis war der Zweite Thorner Friede von 1466, der das Land teilte in ein Ordenspreußen mit dem Zentrum Königsberg im Osten und ein königlich-polnisches Preußen mit den Zentren Danzig, Elbing, Thorn im Westen. Auch wenn der Orden sich in seinem östlichen Landesteil noch sechs Jahrzehnte halten konnte, war er doch als wichtigste Macht im Ostseeraum ausgeschieden. Damit ging gerade im späteren Westpreußen eine deutliche ethnische Durchmischung slawischer (kaschubischer und polnischer) und deutscher Bevölkerungsteile einher, die ihre Nachwirkungen bis ins 20. Jahrhundert im Bewusstsein der Bevölkerungsgruppen hatte.

Die Unterstellung Hochmeister Albrechts von Brandenburg-­Ansbach nach Abfall vom Orden als Herzog in Preußen unter den polnischen König Sigismund I. Stary 1525 stellte nur eine ein paar Jahrzehnte verzögerte Folgeerscheinung der Landesteilung von 1466 dar. Damit verlor der livländische Ordensteil seinen letzten Rückhalt in der Region, so dass er den Ansturm Moskaus in der Mitte des 16. Jahrhunderts ebenfalls nicht mehr abwehren konnte – 1562 gab es den Deutschen Orden im Ostseeraum nicht mehr, vor allem Polen-Litauen hatte die Macht übernommen.

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Was ist geblieben? Zum einen Territorialgrenzen, die teilweise über Jahrhunderte, sogar bis in die Gegenwart Bestand hatten. Das gilt sowohl für die im Frieden am Melnosee 1422 festgelegte Grenze, die die Grenze Ostpreußens zu Polen noch im 20. Jahrhundert darstellte, wie auch die estnisch-russische Grenze an der Newa heute. Hinzu kam die Eingliederung eines Raumes in den Geltungsbereich der römischen Kirche und der nachfolgenden Reformation, damit die Abwehr eines kirchlich-politischen Einflusses vom orthodoxen Osten. Die Erweiterung Polens nach Osten wie auch die Reformation schufen im dortigen Königreich zwangsweise einen multikonfessionellen Raum, dessen Tolerierung eine politische Überlebensnotwendigkeit für das katholische Königtum darstellte. Die Entwicklung in Preußen und im Baltikum hatte ein Staatensystem zur Folge, das noch in der Europäischen Union Bestand hat.

Die staatsrechtliche Fundierung des Ordenslandes Preußen als eines souveränen, außerhalb der Grenzen des Deutschen wie des Römischen Reiches gelegenen Territoriums bot 1525 die Möglichkeit der Lehnsunterstellung des Herzogtums Preußen unter die polnische Krone und die Mitbelehnung der übrigen hohenzollernschen Linien Ansbach und Brandenburg. Das war die Grundlage für die Erlangung der Souveränität des Herzogtums Preußen durch den brandenburgischen Kurfürsten im Frieden von Oliva 1660 und die Krönung des brandenburgischen Kurfürsten zum König in Preußen 1701 – innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wäre dieser Vorgang nicht möglich geworden. Damit blieb der Name des mittelalterlichen Ordensterritoriums erhalten für eine neue Monarchie – die Markgrafen von Brandenburg wurden zu Königen in Preußen. Nach der Übernahme der Herrschaft in einem neuen Deutschen Reich 1871 durch jene Monarchie wurde dieser Name sogar zum Synonym für das neue Reich. Das galt auch noch für die nationalsozialistische Ausprägung jenes Reiches, so dass die alliierten Kontrollmächte in einer Art Leichenfledderung sich 1947 bemüßigt fühlten, den Staat Preußen endgültig für erloschen zu erklären – eine zumindest ungewöhnliche Form der Vergangenheitsbewältigung und des Kampfes gegen einen Schatten, den der auch nach 1525 im Deutschen Reich und nach dessen Zerstörung durch Napoleon im Kaiserreich Österreich weiter existierende Deutsche Orden schon lange nicht mehr selber warf.

Neben Grenzen und staatsrechtlichen Folgen gab es eine deutsche Prägung der südlichen und östlichen Küstenländer des Ostseeraumes, die ebenfalls bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts Bestand hatte. Die Folge war eine entsprechende wirtschaftliche, rechtliche, sprachliche und kulturelle Prägung, die das ehemalige Ordensland Preußen in der Ideologie des 19. Jahrhunderts sogar zum deutschesten aller deutschen Lande machte – eine Anschauung, die noch während der deutsch-polnischen Schulbuchgespräche der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts ein Problem darstellte. Die wirtschaftliche, rechtliche und sprachliche Prägung existiert seit der Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr. Unübersehbar geblieben sind jedoch Zeugnisse der kulturellen Prägung in Architektur, Malerei, Skulptur, Goldschmiedekunst etc., kurz all den Bereichen, mit denen sich die Kunstgeschichte beschäftigt. Ihre Bedeutung wird glücklicherweise nicht mehr unter nationalen Gesichtspunkten gesehen, sondern als wertvoller Teil einer gesamteuropäischen Kultur, die es zu bewahren, zu erforschen und weiterzuvermitteln gilt über den engen Raum hinaus – die Aufnahme der Marienburg oder der Stadt Thorn in das Weltkulturerbe der UNESCO stellen signifikante Beispiele dar. In diesem Rahmen haben auch heute noch die Hinterlassenschaften des Deutschen Ordens eine für uns teilweise herausragende Bedeutung. Diese in gemeinsamer Arbeit zu erkennen und zu erschließen, ist eine gleichermaßen reizvolle und lohnende Aufgabe, unabhängig von modernen Staatsgrenzen und Nationalitäten.

 

 

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