Hans-Jürgen Klein

Diplomaten und Missionare des späten 17. und des 18. Jahrhunderts auf dem indischen Subkontinent

Die Geschichte der Elbinger
Johann Josua Kettler und Jacob Klein

Mit missionsgeschichtlichen Anmerkungen
zum Leben und Wirken von Jacob Klein

von Tilman Asmus Fischer

Münster: Truso-Verlag, 2019 (Elbinger Hefte 51), 188 S., mit farbigem Vor- und Nachsatz, 17 Schwarzweiß-Abbildungen sowie einem Tafelteil mit
16 Farbfotografien, geb., € 16,80 – ISBN 978-3-00-062960-0

Zu beziehen über den Förderkreis Westpreußen, Mühlendamm 1, 48167 Münster-Wolbeck, Telefon 0 25 06 / 30 57-50, Fax 0 25 06 / 30 57-61,
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Biographische Annäherungen

an zwei außergewöhnliche Elbinger

 

Der Sinn von Mikrogeschichte ist, durch detaillierte Analysen kleiner, meist lokal begrenzter Themen nicht nur das historische Detail an sich zu erkennen, sondern auf Grund genauer Betrachtung der kleinen Einheit besser begründete Aussagen zu größeren geschichtlichen Zusammenhängen treffen zu können. So geschieht es in dem vorliegenden Büchlein. Es zeichnet einesteils den spannenden Lebensweg von Johann Josua Kettler (1659–1718) nach, der nach einer turbulenten Jugendzeit in Elbing als angesehener Kaufmann und Diplomat in Indien lebte. Andernteils – und vor allem – widmet es sich der missionarischen Wirksamkeit von Jacob Klein (1721–1790), der den evangelischen Glauben aus seiner Heimat nach Indien getragen und so Kulturgrenzen überwunden, zugleich aber Typisches seiner Heimatkultur zur Wirkung gebracht hat. Selbst wenn auch Klein – wie Kettler im Untertitel des ihm geltenden Aufsatzes – ein „außergewöhnlicher Elbinger“ genannt würde, dürfte das den nicht mikrohistorisch an der westpreußischen Stadt Interessierten zunächst kaum verlocken ;  die Lektüre überzeugt freilich davon, wie beredt Kleingeschichte für große Zusammenhänge sein kann.

Die Mission auf dem indischen Subkontinent hatte mit der päpstlichen Bulle Romanus Pontifex begonnen, durch die den Portugiesen 1455 das Patronat über die Missionierung neuer Länder „hinter Afrika“ übertragen wurde. Gleichzeitig erhielten die Portugiesen ein Handelsmonopol für diesen Raum. Vasco da Gama entdeckte 1498 den Seeweg nach Indien – in welchen weltbildlichen Umbruchzeiten die Reformation verwurzelt ist, gerät nur allzu leicht aus dem mitteleuropäischen Blick. Zunächst verwehrten die Portugiesen, primär aus ökonomischen Erwägungen, ausländischen Geistlichen den Zugang nach Asien. Erst auf päpstlichen Druck proklamierte der portugiesische König die Epoche der verstärkten Missionierung Asiens und schickte um 1540 Mitglieder des unter der Herausforderung der Reformation gegründeten Jesuiten-­Ordens nach Goa. Erster deutscher evangelischer Missionar in Indien war später Bartholomäus Ziegenbalg (1682–1719).

In diesen Horizont fügt sich die akribisch gearbeitete Studie Hans-Jürgen Kleins ein. Jacob Klein (1721–1790) als Ordinierter der Dänisch-Halleschen Mission findet plastisch seinen Ort in der Geschichte der Ausbreitung evangelischen Glaubens. Dass Mission immer zwischen den Polen des Machterwerbs und der Ausbeutung einerseits, der empathisch kultursensiblen Fürsorge andererseits pendelte und sich letztlich jedem schablonenhaften Urteil verweigert, bestätigt sich einmal mehr. Die deutsch-protestantische Geschichte Westpreußens hat auch darin ihre globale Dimension ;  sie wirkt in den protestantischen Gemeinschaften Indiens über ihren eigenen Untergang hinaus.

In seinem profunden theologiegeschichtlichen Nachwort beleuchtet Tilman Asmus Fischer die Vielfalt der Rollen, die Missionaren als Mittler zwischen den Kulturen zufiel, sowie die meist zu wenig beachteten Wechselbeziehungen zwischen Mission und indigenen Gesellschaften. Dass heute die globale Mehrheit protestantischer Christen in Ländern lebt, in denen es sie vor dem 19. Jahrhundert kaum oder nicht gegeben hat, unterstreicht die Mobilität missionarischer Impulse. Anders als ehedem in den „klassischen“ protestantischen Ländern Mittel-, West- und Nordeuropas, wo Konfessionslosigkeit heute die Frage missionarischen Handelns ganz neu stellt, umfassen protestantische Gemeinschaften in den angestammten „Missionsgebieten“ nirgends die Gesamtheit oder eine Mehrheit der Bevölkerung. Der Protestantismus ist im Zuge seiner „Globalisierung“ zur Religion qualifizierter Minderheiten geworden und zeichnet sich oft durch seine besondere Affinität zu Bildung und Diakonie aus.

Ansprechend ist Fischers Gedanke, das reformatorische Gedankengut habe über die Grenzen des konfessionell verfassten Christentums hin­aus eine Inkulturalisierung erfahren und so „gesellschaftlich heilsam“ gewirkt im Sinne der Stärkung individueller Freiheit und Verantwortlichkeit. Fischer spricht von der „Protestantisierung indigener Religionen“, die deren antikoloniales Potenzial geweckt oder gefördert habe.

So reizvoll – und aus protestantisch-konfessioneller Sicht schmei­chelhaft – diese Analyse sein mag, so kritisch sollte doch die Rückfrage ausfallen, ob jene „Protestantisierung“ in bürgerschaftlich-emanzipatorischem Verständnis denn etwa auch das Mutterland der Reformation erfasst habe. Namentlich das sich betont protestantisch gebende Wilhelminische Reich basierte gerade nicht auf einer obrigkeitskritischen, persönliche Mündigkeit forcierenden Adaption reformatorischer Parameter. Der schmerzhafte Verlust der deutschen Ostgebiete, so auch Elbings, steht doch entscheidend für die Tragik einer gesellschaftlichen Dispensierung bürgerschaftlicher Eigenständigkeit zu Gunsten fataler Gehorsamsbereitschaft.

Wie dem auch sei :  Den beiden aus Elbing stammenden „Außergewöhnlichen“ Johann Josua Kettler und Jacob Klein wurde hier ein würdiges, informatives und zum Weiterdenken herausforderndes Denkmal gesetzt – allemal in protestantischem Geist !

■ Klaus Beckmann

 

 

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