Damals war’s (1/2019)

 

Trachten gehören – neben der Mundart, dem Liedgut oder Kochrezepten – von jeher zu den entscheidenden Markern regionaler kultureller Identitäten. Eine umso größere Bedeutung kommt ihnen zu, wenn die Träger dieser Kultur ihre Heimat zwangsweise verlassen mussten. Wie präsent vor diesem Hintergrund Trachten knapp anderthalb Jahrzehnte nach der Vertreibung auch in der Landsmannschaft Westpreußen waren, zeigt sowohl die Verkaufsanzeige der Schneiderin Berta Syttkus als auch eine Diskussion, die sich in den abgedruckten Leserzuschriften widerspiegelt: Bedarf es einer westpreußischen Tracht für Jungen – alternativ zur Uniform der „Deutschen Jugend des Ostens“ (DJO)?

In dieser Diskussion zeigt sich freilich auch ein Weiteres: dass identitätsstiftendes Brauchtum nicht einfach nur aus „natürlich“ fortwirkenden, unwillkürlich überlieferten Traditionen resultiert. Vielmehr steht hinter jeder Überlieferung eine bewusste Entscheidung – und in besonderen Fällen wie diesem kann Brauchtum sogar erst im Nachhinein kreiert bzw. historisierend „erfunden“ werden. – Wie das obenstehende Bild zeigt, setzte sich das Vorhaben einer westpreußischen „Burschentracht“ jedoch anscheinend nicht durch: Beim Westpreußen-Treffen in Münster 1960 erschienen die Mädchen in Tracht, die Jungen weiterhin im DJO-Grauhemd.